Unternehmensführung

Lohnt sich Existenzgründung und Selbstständigkeit überhaupt?

Harry Patermann, Spediteur, 4,90 Euro/Stunde

Harry Patermann steht früh auf. Um vier Uhr morgens klingelt der Wecker, kurze Zeit später fährt der Weimarer Selbständige mit seinem Lieferwagen die Thüringer Landeszeitung und die Thüringer Allgemeine aus. Um 8.30 Uhr kommt der nächste Auftraggeber ran:

In Patermanns Opel Agila landen nun Kisten mit dem Mittagessen für Kindergärten. Sind gegen 13.00 Uhr die letzten Kinder versorgt, fährt er nach einer kurzen Pause Briefe und Pakete für Hermes aus. Je nach Arbeitsaufwand und Verkehrsverhältnisse ist er um 17.00 Uhr fertig – doch nach 13 Stunden Arbeit wartet zu Hause noch die Buchhaltung. Insgesamt 50 Stunden pro Woche arbeitet Patermann nach eigener Aussage, doch am Monatsende bleiben dem Selbständigen gerade mal 980 Euro brutto übrig – das ist ein Stundenlohn von rund 4,90 Euro.

Das ist wenig angesichts der Zahlen, die in der aktuellen Debatte um Mindestlöhne für Arbeitnehmer diskutiert werden. Dort stehen garantierte 7,50 Euro pro Arbeitsstunde im Raum, manche Funktionäre fordern sogar 10 Euro. Von Patermanns 980 Euro brutto gehen 264 Euro für Kranken- und Pflegeversicherung ab, 62 Euro für Altersvorsorge und Berufsunfähigkeitsversicherung und 75 Euro für den Unterhalt seiner beiden Kinder.

Mit den übrigen 575 Euro muss er Miete und seinen persönlichen Lebensunterhalt bestreiten. Urlaub hat er seit sechs Jahren nicht mehr gemacht, krank werden darf er auch nicht. Obendrein unterschätzt der Selbständige seine Arbeitszeit – ein typisches Muster, da die meisten Selbständigen eigentlich nie Feierabend haben: Obwohl Patermann täglich 13 Stunden unterwegs ist, alle zwei Wochen am Sonntag für einen Bäcker Brötchen ausfährt und sich nach Feierabend um Formulare kümmert, zählt er nur 50 Wochenstunden – allein rein rechnerisch sind es jedoch mindestens 65. Diese längere Arbeitszeit drückt seinen Stundensatz auf 3,40 Euro – Gewerkschaften und SPD würden da von Sittenwidrigkeit sprechen.

Ein Fünftel der Selbständigen liegt unter dem diskutierten Mindestlohnniveau

Der Stundensatz von 3,40 Euro spiegelt schlichtweg die Marktverhältnisse wider: Knapp kalkulierte Preise, an denen Selbständige wie Patermann nicht drehen können, und eine 60-Stunden-Woche, die den Stundenlohn naturgemäß drückt. Jeder fünfte Selbständige in Deutschland – das sind 600.000 – verdient daher weniger als 7,50 Euro pro Stunde; sieben Prozent aller Selbständigen sogar weniger als 5 Euro, was einem Jahreseinkommen von 14.357 Euro entspricht.

Sie sind zwar nur eine Minderheit unter den Unternehmern – aber doch eine beachtlich große. Vor allem sie fragen sich, ob sich Selbständigkeit noch lohnt? Patermann beantwortet die Frage eindeutig – er schreibt Bewerbungen. „Ich möchte wieder eine Anstellung bekommen. Dort bekomme ich bezahlten Urlaub und kann auch krank werden. Und ich kenne viele Berufskollegen, denen es genauso geht. Denn ohne Ehepartnerin mit einer sicheren Stelle kann ich mir die Selbständigkeit eigentlich nicht leisten“, urteilt der 47-Jährige nach vier Jahren Selbständigkeit.

Manfred Biebrich, Gastronom, 2,20 Euro/Stunde

Ohne die Unterstützung seiner Partnerin hätte Manfred Biebrich, Betreiber einer kleinen Gaststätte in Wildau (Brandenburg) und Geschäftsführer des BDS-Landesverbands, seine Selbständigkeit schon längst aufgeben müssen: Ihm bleiben unterm Strich nur 2,20 Euro netto pro Stunde, wie er sich ausgerechnet hat. Das sind mal 300, mal 400 Euro im Monat, zusätzlich erhält er 500 Euro Geschäftsführergehalt vom BDS.

Auch Biebrich war zurückhaltend beim Ausrechnen seines Stundenlohns: „So genau möchte ich es gar nicht wissen“, winkte er zunächst ab. Zwar weiß fast jeder Unternehmer, wie hoch Gewinne und Verluste sind und was am Jahresende übrig bleibt – bezogen auf die Stunde hat sich jedoch fast niemand den Lohn ausgerechnet.

Natürlich lebt niemand vom Stundenlohn allein – er symbolisiert aber den Ausgleich für Aufwand und vergangene Lebenszeit. Doch wie man es dreht und wendet – weder Stundenlohn oder Monatseinkommen sind für die 20 Prozent „armen Selbständigen“ ausreichend. Biebrich meint: „Wenn ich mir eine ordentliche Hose kaufe, spüre ich das im Portemonnaie. Und die Raten für meinen neuen Geschirrspüler zahlt meine Frau. Sie ist im öffentlichen Dienst.“ Anders als Kurierfahrer Partermann bleibt Biebrich kein Geld für die Altersvorsorge übrig. Dabei ist das Thema für ihn besonders akut – er ist 59 Jahre alt.

Selbständigkeit ist nicht nur Stundenlohn

Natürlich hat Selbständigkeit viel mehr Facetten als die, was am Monatsende übrig bleibt – vor allem Freiheit, Unabhängigkeit und die Selbständigkeit im eigentlichen Wortsinn. Dagegen stehen aber auch unzählbare Lasten wie unternehmerisches Risiko, wenig Freizeit und schlechtere soziale Absicherung. Rein ökonomisch bleibt das Erwerbsleben in Deutschland zweigeteilt, wie eine grobe Gegenüberstellung zeigt: Einerseits sind die meisten Selbständigen von gesetzlichen Sozialversicherungsabgaben befreit und können sich – oft günstiger – privat versichern.

Auf der anderen Seite verdienen sie nichts, wenn sie krank sind, Urlaub machen oder den Arbeitstag verbummeln. Hinzu kommen direkte und indirekte Kosten, wie Gebühren für GEZ, Gema, Kammern und Berufsgenossenschaftsbeiträge, die den Erlös deutlich schmälern. Und in einem Vergleich der Bruttolöhne zwischen Selbständigen und Arbeitnehmern ist der Arbeitgeberbeitrag zur Sozialversicherung von Arbeitnehmern ebenfalls nicht berücksichtigt.

Zudem zahlen Selbständige, die Mitglied einer Gesetzlichen Krankenversicherung sind, dort Beiträge auf der Basis eines fiktiven Mindesteinkommens: Das wurde zwar von 1.837 auf 1.225 Euro deutlich gesenkt – in den Genuss dieser Kostensenkung von rund 100 Euro im Monat kommen aber wegen drastischer Ausschlusskriterien nur wenige. Bistrobetreiber Biebrich zahlt also weiterhin 30 Prozent seines Einkommens an die Gesetzliche Krankenversicherung.

Natürlich liegt es nicht an der Politik, der Abgabenlast und den ungünstigen Umständen allein, dass es einigen Selbständigen schlecht geht. Viele betroffene Selbständige sind schlichtweg nicht geschäftstüchtig, verschlafen neue Entwicklungen oder sind in der falschen Branche tätig. So auch Raimund Kandeler (Name geändert) aus Süddeutschland.

Raimund Kandeler, Einzelhändler, 6 Euro/Stunde

Der Einzelhändler (6 Euro brutto pro Stunde) steht kurz vor der Insolvenz des von seinem Vater vor 45 Jahren eröffneten Ladens.

Früher hatte er zehn Angestellte und einen großen Fuhrpark, nun arbeitet er mit seiner Frau allein: „Die Konkurrenz der großen Konzerne ist zu stark, hinzu kommt das Internet. Und dann ist schlichtweg ein großes Kundensegment weggebrochen“, begründet der Selbständige seine verfahrene Situation. Auch Biebrich sucht die Schuld nicht nur bei anderen, er übt Selbstkritik:

„Mir fehlen die Stammgäste. Heute habe ich acht Essen verkauft, unterm Strich sind gerade mal 55 Euro in der Kasse. Außerdem bin ich kein gelernter Gastronom – bestimmte Aufträge, etwa kalte Platten, muss ich ablehnen.“ Die Notbremse wäre für viele Selbständige in prekären Verhältnissen die beste Lösung: Vergleicht man die ökonomische Seite der Selbständigen, müsste zumindest das untere Fünftel der Freiberufler ans Aufgeben denken. Bistrobetreiber Biebrich: „Aus finanzieller Sicht müsste ich den Laden dicht machen. Aber es macht mir Spaß – und mir fehlen auch die Alternativen. Zudem ist die Mischung von Bistro und BDS-Geschäftsstelle ideal.

Wenn zwischendurch kein Gast kommt, kann ich die Verbandsarbeit machen. Laptop und Fax stehen auf dem Kühlschrank. Das hier ist mein Lebenszentrum und ich habe mit den Gästen einen menschlichen Austausch.

ALG II für Selbständige

Für die Antwort auf die Frage, ob Selbständige viel oder wenig verdienen, gibt es viele Möglichkeiten: Die Pfändungsgrenze, das Existenzminimum, den Durchschnitt aller Selbständigen – oder die 7,50 Euro Stundenlohn aus der aktuelle Debatte um Mindestlöhne.

Waltraut Peter, im Institut der Deutschen Wirtschaft Köln verantwortlich für Sozialhilfe und Armutspolitik, sieht diese Maßstäbe skeptisch: „Das sind weitestgehend politische Definitionen. Außerdem gibt es keinen festen Begriff, selbst die Wissenschaft nimmt Spannen von 50 bis 70 Prozent vom Durchschnittseinkommen. International kann man gar nichts vergleichen, weil oft Krankenversicherung oder die Warmmiete – anders als in Deutschland – gar nicht mitgezahlt werden.“ Peter plädiert für Hartz IV als Betrachtungsgrenze: Rund 650 Euro für den „Regelsatz“ und Warmmiete. Hinzu rechnen müsse man den Betrag für die Krankenversicherung, so dass 1.000 Euro brutto von Selbständige etwa die Hartz-IV-Grenze darstellen. Grob gerechnet, verdienen demnach 4,1 Prozent der Selbständigen weniger als Hartz-IV-Bezieher, das sind 123.000 Freiberufler.

Doch so wie Angestellte mit geringem Verdienst, können auch Selbständige ihr Einkommen durch staatliche Unterstützung aufstocken, zudem gibt es Zuschüsse für die private und gesetzliche Krankenversicherung. Dazu müssen sie denselben 16-seitigen Antrag ausfüllen wie Arbeitnehmer. „2006 haben rund 50.000 Selbständige ALG II bekommen, in diesem Jahr dürften es mehr sein“, sagt Ilona Mirtschin, Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit, die für eine rasche Berechnung ALG-II-Rechner im Internet empfiehlt.

Eckhard Petzold,  Freiberufler im Gesundheitsmanagement, 1,30 Euro/Stunde

Auch Eckhard Petzold aus Halle könnte wahrscheinlich seinen Verdienst durch ALG II verbessern – er bekommt aktuell 1,30 Euro pro Stunde raus: 80 Euro bleiben ihm im Monat zum Leben. Trotzdem stimmt für ihn die Perspektive. Denn seine Geschäftsentwicklung liegt im Plan.

Der 48-jährige Freiberufler im Gesundheitsmanagement – er moderiert Selbsthilfegruppen und gibt Seminare für Pflegepersonal – arbeitet rund 80 Stunden pro Woche und hat einen monatlichen Überschuss von gerade einmal 400 Euro. Davon gehen 312 an die Krankenkasse, acht Euro zahlt er für eine Unfallversicherung.

Mit den übrigen 80 Euro kommt er nur klar, weil seine Frau 1.245 Euro netto nach Hause bringt. Die Konsequenzen fürs persönliches Leben: „Wir verschieben Anschaffungen, machen keinen Urlaub und haben weder Garten noch eine Mitgliedschaft im Sportverein“, sagt Petzold, der jedoch zufrieden und zuversichtlich ist: „Ich bin noch in der Gründungsphase, die aktuellen Entbehrungen sind also eingeplant.“ Wichtig ist für ihn vor allem, dass er die Selbständigkeit mit seiner Frau geplant hat und auch die Tiefpunkte zusammen bewältigt: „Wir haben eine gemeinsame Vision. Und für den späteren Erfolg nehmen wir die harten Zeiten in Kauf“, berichtet Petzold.

Zu dieser Einstellung passt auch die Untersuchung des BDS Bayern, der der Frage nachgegangen ist, ob Selbständige Ihre Selbständigkeit schon einmal bereut haben. Sechs Prozent antworteten: „Ja, häufig“, die größte Gruppe mit 38 Prozent sagte: „Nein, noch nie“.

Daniel Girl, Lösungsanbieter für Kundenbindungssysteme, 3 Euro/Stunde

Daniel Girl, Berlin, 3 Euro pro Stunde. Bietet Kundenbindungssysteme an und setzt sie um. Ich zahle mir so gut wie gar nichts aus, denn ich stecke alles in meine Firma. Zu Hause habe ich schon meinen Kühlschrank abgestellt, der ist sowieso immer leer. Ich zahle rund 150 Euro an meine private Krankenversicherung – den Rest der lebensnotwendigen Dinge, wie etwa Kleidung, kaufe ich mir sehr unregelmäßig, manchmal unterstützt mich auch meine Mutter.

Trotzdem bin ich sehr glücklich. Meine Firma entwickelt sich hervorragend und ich habe großen Spaß mit meinen Mitarbeitern und Kunden. Ich will später mal 30 bis 40 Mitarbeiter und mehrere Millionen Umsatz machen. Wenn ich dann loslassen kann, würde ich Teile der Firma verkaufen. Sicherlich eine gute finanzielle Entschädigung für die Zeit heute, wo mein privates Portemonnaie leer ist. Obwohl ich damit nicht unzufrieden bin, denn ich habe ja meine Firma als Gegenwert, und komme über die Runden.

Quelle: Michael Wehran – Lohnt sich die Selbständigkeit überhaupt? Bund der Selbständigen Landesverband Baden-Württemberg, 2007


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