UnternehmensführungChange Management – Keine Angst vor Veränderungen

Als Otto von Bismarck noch Gesandter in Russland war, sah er immer an der derselben Stelle im Innenhof eines Zarenpalastes einen Soldaten Wache stehen, so berichtet er in seinen Memoiren. Er erkundigte sich, wieso der Mann dort so verloren stehen würde. Niemand wusste eine Antwort. Eine gründliche Prüfung ergab: Katharina die Große hatte es so befohlen. An der bewussten Stelle hatte eine kleine Blume geblüht, die ihr sehr gut gefiel. Die Zarin wollte sie schützen. Nur: Katharina war mittlerweile seit vielen Jahren tot. Die Wache stand immer noch dort, jahrein, jahraus.

Diese kleine Geschichte erzählte Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der Jahrestagung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie in Berlin und er folgerte zu Recht: „Lernende, anpassungsfähige Gesellschaften und erst recht lernfähige Unternehmen sehen anders aus.“ Sie erspüren und analysieren frühzeitig die Veränderungen, die auf sie zukommen, im günstigsten Fall leiten sie die Veränderungen durch Innovationen auch selbst ein. Sie stellen sich auf den Wandel ein und reagieren so durch Umstrukturierungen innerhalb ihres Unternehmens und außerhalb mit ihren Geschäftspartnern, damit sie erfolgreich bleiben oder werden.

Die Welt ist in ständiger Veränderung

Stellen Sie sich einmal das Straßenbild Europas vor 100 Jahren vor. Wenn damals jemand die These aufgestellt hätte, dass Pferde – damals waren sie nicht nur in der Landwirtschaft unentbehrlich, sondern auch beim Militär und im Transportwesen – durch motorisierte Fahrzeuge in naher Zukunft ersetzt werden, wäre er wahrscheinlich für verrückt erklärt worden. Dass Pferdezüchter und –händler schon bald keine wirtschaftlich nennenswerte Rolle mehr spielten, ja nahezu ausgestorben waren, hätten die Wenigsten geglaubt

Keine Angst vor Veränderungen

Warum dieses Beispiel? Erneuerungen sind nicht aufzuhalten, die Welt verändert sich permanent. Möchte heute noch jemand Automobile durch Pferde ersetzen und von München nach Berlin in fünf Tagen reiten statt in fünf Stunden zu fahren? Ist Europa wirtschaftlich oder kulturell am Ende durch die Umstrukturierungen?

Nein, im Gegenteil: Waren können schneller und viel weiter transportiert werden. Mehr Menschen als früher kannten ihre Mobilität. Die Kraftfahrzeugbranche hat viele gut bezahlte Arbeitsplätze und damit Wohlstand geschaffen. Exzellente Unternehmen fürchten sich nicht vor neuen Entwicklungen und sie ignorieren sie nicht. Angst lähmt die Kreativität, sie schadet mehr als sie nutzt.

Angst ist nicht zu verwechseln mit einer gesunden Portion Vorsicht. Im Wort Voraussicht steckt die Vorsicht und das bedeutet für Unternehmen, dass sie den Wettbewerb und den Markt beobachten.

Exzellente Unternehmen loten rechtzeitig aus, was sich am Markt tut und erkunden gesellschaftliche Einstellungen und neue Strömungen. Sie entwickeln zielgerichtet Aktionen oder ganze Strategien, um den neuen Anforderungen gerecht werden zu können. Sie setzen diese Konzepte dann rasch um, denn gute Ideen, die in der Schublade landen, sind Verschwendung von Ressourcen.

Die Chancen für den Mittelstand erhöhen sich

Wohin geht der Wandel in Deutschland? Dazu noch einmal Horst Köhler bei der Veranstaltung des BDI: „Wenn ich die Zeichen richtig lese, wird es in Zukunft in vielen Bereichen gar nicht mehr darum gehen, Ideen in Massenprodukte umzusetzen. Vielmehr wird es in wachsender Zahl Güter und Dienstleistungen geben, die von ihrer Individualität leben, bei deren Produktion es darauf ankommt, sie schnell auf neue spezifische Bedürfnisse der Kunden anpassen zu können. Größe ist dann nicht mehr der entscheidende Vorteil. Das spricht dafür, dass die Chancen für unsere mittelständisch strukturierte Wirtschaft noch zunehmen werden.“

Produkte und Dienstleistungen, die von der Individualität leben, setzen gut ausgebildete, kreative und motivierte Mitarbeiter voraus. Um maßgeschneiderte Güter und Dienstleistungen anbieten zu können, brauchen Unternehmer Mitarbeiter mit zusätzlicher sozialer Kompetenz, die ihre Kunden kennen und verstehen. Die ihre Kunden fortlaufend über ihre Wünsche befragen, um immer auf dem neuesten Stand zu sein. Unternehmer brauchen Mitarbeiter, die keine Angst vor Neuem haben, die sich trauen, alte Denkweisen, Abläufe und Strukturen über Bord zu werfen, wenn es notwendig ist. Es ist kein großes Problem, neue Dinge in unsere Köpfe zu bekommen. Das viel größere Problem ist, die alten Dinge aus unseren Köpfen herauszubringen.


Cay von Fournier

Über den Autor Cay von Fournier

Dr.Dr. Cay von Fournier ist Geschäftsführender Gesellschafter des Weiterbildungsinstituts SchmidtColleg. In Fourniers Vorträgen geht es um die Führung von Unternehmen, Menschen und die des eigenen Lebens.

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