Soft SkillsWas verrät uns das Gesicht über den Charakter eines Menschen?

Samstagmorgen. In einem Seminarraum in einem Tagungshotel nahe Frankfurt herrscht ein reges Stimmengewirr. Neun Männer und Frauen diskutieren lebhaft darüber, inwieweit man zum Beispiel aus der Größe und Form der Nase einer Person Rückschlüsse auf deren Persönlichkeit ziehen kann. „Alles Humbug“, sagt Dietrich Neustädt*, während er in den vor ihm auf dem Tisch stehenden Spiegel blickt. „Aus meinen Augenringen kann man bestenfalls ablesen“, ergänzt der Key-Account-Manager eines Elektrokonzerns provokant, „dass ich wenig geschlafen habe.“

„Die sind auch kein unveränderliches Gesichtsmerkmal, so wie die Höhe deiner Stirn oder die Größe deiner Nase“, widerspricht ihm Sarah Gliesing, die ihm schräg gegenüber sitzt. Sie ist der festen Überzeugung: Das Gesicht verrät uns mehr über Menschen, „als wir gerne wahrhaben möchten“. „Zumindest lösen die Körpermerkmale in uns bestimmte Assoziationen aus. Und diese bestimmen wiederum unser Verhalten“, fügt sie einschränkend hinzu. Dabei blickt sie Kurt-Georg Scheible an, der das Seminar „Bessere Menschenkenntnis durch GesichterLesen“ leitet. Doch Scheible schweigt.

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Statt dessen ergreift Neustädt das Wort: „Das bedeutet doch nur, dass unser Verhalten oft von Vorurteilen bestimmt wird.“ „Das mag ja sein“, erwidert Tobias Wilke, der Lebenspartner von Sarah Gliesing. „Aber dann wäre es ja noch wichtiger, sich mit dem Gesichterlesen zu befassen. Denn nur wenn wir wissen, welche Emotionen und Verhaltensmuster die Körpermerkmale in uns auslösen, können wir uns dagegen wehren.“

Eine (Pseudo-)Wissenschaft?

Für den Maschinenbau-Ingenieur ist die Physiognomik – also die Lehre, dass uns die unveränderlichen Merkmalen des Körpers eines Menschen viel über dessen Eigenschaften verraten – eine „alberne Pseudo-Wissenschaft“. Nur seiner Lebensgefährtin zuliebe nimmt er an dem Seminar teil. „Denn warum sollte ich mich zum Beispiel noch weiterbilden, wenn meine Fähigkeiten letztlich weitgehend davon abhängen, wie viele Falten ich habe?“

Die Seminarteilnehmer haben offensichtlich ihre wichtigsten Pro- und Contra-Argumente. Also ergreift Seminarleiter Scheible das Wort. „Sie werden Ihre Stirnfalten noch lieben lernen“, sagt er zu Wilke und steigt gleich ins Thema ein. Der Inhaber des Beratungsunternehmens Erfolgscampus kennt die Vorurteile, die viele Menschen gegen das Gesichterlesen hegen. Und er kann die Skepsis einiger Teilnehmer nachvollziehen. „Seit die Nationalsozialisten die Physiognomik für ihre Rassenlehre missbrauchten, ist das Gesichterlesen ein sehr heikles und hoch-emotionales Thema.“ Dabei beweist schon die deutsche Sprache, dass gewisse Körpermerkmale in uns zumindest bestimmte Assoziationen auslösen. Wenn wir eine Person beschreiben, sagen wir zum Beispiel oft, diese habe ein „energisches Kinn“. Oder eine „Denkerstirn“. Oder „wache Augen“. Und mancher betrachtet die Augen als den „Spiegel der Seele“.

Dass „eine gewisse Parallelität“ zwischen den körperlichen Merkmalen einer Person und deren Eigenschaften besteht, ist laut Scheible, einem Anhänger der Physiognomik, eine „uralte menschliche Erkenntnis“. In der traditionellen chinesische Medizin habe es ganze Merkmalskataloge gegeben, um Gesichter zu lesen und zu verstehen. Und mit einem Blick zu Wilke fügt er hinzu: „Sie ging zum Beispiel davon aus, dass das Durchhaltevermögen einer Person, umso größer ist, je mehr Querfalten ihre Stirn zieren.“ An diesen mangelt es Wilke nicht.

Körpermerkmale liefern nur erste Hinweise

Beim Gesichterlesen sollte man laut Scheible aber stets zweierlei bedenken. Erstens: Die aus Körpermerkmalen abgeleiteten Informationen sind nur Indikatoren für bestimmte Wesensmerkmale. Und zweitens: Aus einzelnen Merkmalen sollte man keine absoluten Schlüsse ziehen wie: Wer pralle Lippen hat, ist sinnlich. Erst die Gesamtsicht eines Gesichts ermöglicht gewisse Tendenzaussagen. „Deshalb sind Falten auf Herr Wilkes Stirn allein auch noch kein Beleg für dessen Durchhaltevermögen.“ Denn neben der Stirn gibt es zwei weitere Gesichtsregionen, die es beim Gesichterlesen zu betrachten gilt – „die mittlere Region, die von Augen bis zur Nase reicht, und die untere Region, die unter anderem Mund, Kiefer und Kinn umfasst.“

Für Physiognomiker weist eine Stirn, die die Wahrnehmung dominiert, so Scheible, unter anderem auf ein hohes Abstraktionsvermögen und einen eher logisch-rationalen Denkstil hin. Menschen mit einer dominanten mittleren Gesichtszone hingegen gelten als besonders gefühlsbetont. Außerdem haben sie ein Gespür fürs Machbare. Und Menschen mit einer dominanten unteren Gesichtspartie? „Das sind die sogenannten ‚Dynamiker’, die oft sehr impulsiv reagieren und die typischen Macher-Eigenschaften zeigen.“

Wer wagt sich auf den „heißen Stuhl“?

Im Seminarraum bricht Unruhe aus. Die Teilnehmer betrachten sich in den vor ihnen stehenden Spiegeln und fragen ihre Tischnachbarn: „Welche Gesichtspartie dominiert bei mir?“ „Als was für einen Typ würdest du mich einschätzen?“ Dabei blicken sie immer wieder auf die Merkblätter, die Scheible verteilte. Auf ihnen sind die verschiedenen Körpermerkmale nebst den Persönlichkeitsmerkmalen, auf die sie nach Auffassung der Physognomiker hindeuten, aufgelistet.

Eine Zeit lang lässt Scheible die Teilnehmer gewähren. Dann sagt er: „Lasst uns das Gesichterlesen mal gemeinsam ausprobieren“. Anschließend fragt er Wilke, ob er bereit sei, auf dem „heißen Stuhl“ in der Mitte der in U-Form aufgestellten Tische Platz zu nehmen und der erste Kandidat zu sein. „Warum nicht“, erwidert Wilke nach kurzem Zögern. „Ich glaube das ja ohnehin nicht.“

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Wenige Augenblicke später sitzt Wilke auf dem heißen Stuhl. Neun Augenpaare starren auf ihn. Das verunsichert den Maschinenbau-Ingenieur offensichtlich. Unruhig rutscht er auf dem Stuhl hin und her. „Also, Tobias“, meldet sich dann der Versicherungsmakler Alex Garcia zu Wort. „Ich würde sagen, du beherrscht und magst deinen Job, und bist ein guter Teamplayer.“ Dann folgt eine Pause von drei, vier Sekunden, bevor Garcia hinzufügt: „Aber manchmal bist du etwas besserwisserisch. Oder?“ Wilke schaut Garcia erstaunt an. Dann erwidert er: „Zumindest sagt das meine Lebenspartnerin ab und zu.“ Dabei schaut er Sarah Gliesing mit einem breiten Grinsen an. Beide lachen. „Aber wie kommst du darauf“, fragt Wilke Garcia neugierig. Der Versicherungsmakler schloss dies unter anderem aus dem eher spitzen Kinn von Wilke und der stark ausgeprägten Jobfalte – so wird die tiefe Falte auf Wilkes Stirn, oberhalb seines rechten Auges genannt.

Noch ungefähr zehn Minuten sitzt Wilke auf dem „heißen Stuhl“. Und die anderen Seminarteilnehmer äußern immer mehr Vermutungen über seine Persönlichkeit. Da ist zum Beispiel der relativ geringe Abstand zwischen der schmalen langen Nase und den dünnen Lippen. Auffallend sind zudem die eher tief sitzenden und zudem eng beieinander stehenden Augen. Alle diese Elemente deuten auf gewisse Persönlichkeitsmerkmale hin. Das Fazit der Seminarteilnehmer: Wilke scheint eher ein Asket als ein Genießer zu sein. Zudem ist er ein eher intro- als ein extrovertierter Typ. Und vermutlich ist er eher ein Kandidat für eine Spezialisten- als für eine Führungskräftelaufbahn.

Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen

„Erkennen Sie sich in dieser Einschätzung wider“, fragt Scheible Wilke, bevor er ihn vom heißen Stuhl entlässt. „Ja“, antwortet der 32 Jahre alte Maschinenbau-Ingenieur perplex. „Es ist schon erstaunlich, wie viel Zutreffendes über mich gesagt wurde. Dabei sehen mich doch heute alle, außer meiner Lebenspartnerin, zum ersten Mal.“

Dann bittet Scheible Sarah Gliesing auf den „heißen Stuhl“. Eine Minute herrscht Stile, nachdem die Personalberaterin dort Platz genommen hat. Dann klatscht Dietrich Neustädt in die Hände. „Klarer Fall“, ruft der Key-Account-Manager. „Du kannst gut mit Druck und Menschen umgehen.“ Scheible fragt: Warum?

Neustädt kam zu diesem Schluss, weil aus seiner Warte bei Sarah Gliesing die mittlere Gesichtspartie die Wahrnehmung dominiert. Und der eher große Abstand zwischen Nase und Mund ist für ihn ein Indiz dafür, dass die Personalberaterin gerne Verantwortung übernimmt und sich „durchzuboxen“ weiß. Außerdem hat sie Multitasking-Talente, „das sagt mir die Form der Nase“. „Und der Amorbogen ist bei ihr viel stärker ausgeprägt als bei Tobias“, sagt er mit einem Blick zu Wilke, dessen obere Lippe einem Strich gleicht. „Das sagt mir: Sarah kann gut auf andere Menschen eingehen.“

Sarah Gliesing erkennt sich in dieser Einschätzung wieder. Das verrät ihr Blick. Doch bei Wilke haben die Aussagen von Neustädt offensichtlich einen neuralgischen Punkt getroffen. „Stimmt, es fällt mehr oft schwerer als meiner Partnerin, einen Draht zu anderen Menschen zu finden – insbesondere wenn diese keine Techniker sind“, sagt er. Mit diesem Problem kämpfte er als Projektleiter schon oft. „Doch was soll ich dagegen tun“, sagt er resignierend. „Das ist halt eine meiner Schwächen.“

Den Umgang mit anderen Menschen erleichtern

„Wieso dieser resignative Ton?“, fragt Scheible zugleich. „Dass sie andere Stärken haben, bedeutet nicht, dass sie weniger wert sind. Das heißt nur, dass ihnen andere Dinge leichter fallen als ihrer Partnerin – weshalb sie sich vermutlich als Paar so gut ergänzen.“ „Und weshalb du vermutlich Ingenieur und nicht Personalberater wurdest“, wirft Neustädt ein. Alle lachen. Auch Scheible. Dann fährt der Seminarleiter zu Wilke gewandt fort. „Das bedeutet nur, dass sie sich im Kontakt mit Menschen vermutlich schärfer überlegen müssen, wie sollte ich mich verhalten, während ihre Partnerin dies intuitiv richtig macht.“ Und genau dabei kann das Gesichterlesen Wilke helfen. Zum Beispiel, indem er sich, wenn er fremde Menschen trifft, zunächst fragt: Was für ein ‚Typ’ sitzt mir gegenüber und welches Verhalten wäre folglich angebracht, damit ich mein Ziel erreiche?

Das leuchtet Wilke ein. Auch Alex Garcia hat nun offensichtlich erkannt, wie hilfreich das Gesichterlesen beim Umgang mit Menschen sein kann. „Schließlich muss ich mir als Versicherungsmakler in Kundengesprächen oft binnen weniger Sekunden ein Bild von fremden Menschen machen.“ Entsprechend löchert er Scheible mit Fragen – ebenso Sarah Gleising, die als Personalberaterin in Personalauswahlgesprächen oft vor einer ähnlichen Herausforderung steht. Geduldig beantwortet der erfahrene Unternehmer- und Führungskräftecoach ihre Fragen. Dabei weist er immer wieder daraufhin hin: „Betrachten Sie die Erkenntnisse, die Sie beim Gesichterlesen gewinnen, als Thesen, die es im Gespräch zu verifizieren gilt.“ Die Teilnehmer sollen die beim Gesichterlesen gewonnenen Erkenntnisse also ähnlich nutzen wie Personalberaterin Gleising die Eindrücke, die sie im Gespräch mit einem Bewerber hat. Auch diese überprüft sie nochmals mit anderen Instrumenten – zum Beispiel mit Tests oder anhand des Lebenslaufs. Erst dann bildet sie sich ein abschließendes Urteil. Und noch einen Tipp hat Scheible für die Teilnehmer parat: „Auch das Gesichterlesen muss man lernen.“ Deshalb empfiehlt er ihnen, dieses im Alltag zu trainieren – zum Beispiel beim Busfahren oder beim Einkaufen oder auf privaten Feiern.

In der abschließenden Feedback-Runde sagt Key-Account-Manager Neustädt: „Ich kam mit sehr gemischten Gefühlen hierher. Doch jetzt glaube ich: Am Gesichterlesen ist was dran.“ Davon war Sarah Gliesing schon zu Beginn des Seminars überzeugt und jetzt noch mehr. Sie befürchtet jedoch: „Einige Menschen werden sich in den nächsten Tagen wundern, warum ich ihnen so ins Gesicht starre.“ Und Tobias Wilke? Er ist fest entschlossen, „künftig gezielter auf die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, als Person einzugehen. Und dabei wird mir das Gesichterlesen helfen.“

Autor:  Andreas Wollny, Büro für Bildung & Kommunikation


2Kommentare

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  1. 1 Meister Ether | 16. Februar 2012

    Gesichterlesen. Kling mir alles sehr stark nach der früher recht gängigen Theorie, dass man Verbrecher am Gesicht erkennen kann. Noch mehr modischer Humbug für die verblödeten Massen. Pseudo-Wissenschaft scheint mir so en Vogue zu sein wie nur selten zuvor. Herzlichen Glückwunsch!

  2. 2 Moira Urban | 18. September 2012

    Da ist ziemlich viel dran, an Physiognomik/ -mie,
    Außerdem eine gute Therapiemethode die Psychologen bzw. Physiognomiker verwenden, um den behandelten Menschen/ Patienten ihre Stärken zu zeigen & das gute in sich zu sehen.
    Sei es ein Placeboeffekt, es hilft immens! 🙂