E-Business

Interview: Mario Sixtus über die Zukunft und Trends des mobilen Internets

Onpulson: Werden bis 2013 webfähige Handys Computern beim Internetzugang den Rang ablaufen, wie vom Research-Institut Gartner prognostiziert?

Mario Sixtus: Gartners selbstgewählte Position ist es, Orakel zu spielen, also muss Gartner solche oder ähnliche Prognosen in die Welt entlassen. Ich bin eher vorsichtig, was die Extrapolation gegenwärtiger Zahlenverläufe in Richtung Zukunft angeht. Allerdings muss man nicht Dämpfe in Delphi eingeatmet haben, um zu sehen, dass Smartphones wie etwa das iPhone oder die neueren Android-Geräte sich nun vom Early-Adopter-Spielzeug zum Jedermann-Gerät mausern. Insofern: Ja, Gartner könnte Recht behalten.

 

Mario Sixtus, Video-Blogger und Geschäftsführer der Contentschmiede Blinkenlichten Produktionen GmbH & Co. KG

Mario Sixtus, Video-Blogger und Geschäftsführer der Contentschmiede Blinkenlichten Produktionen GmbH & Co. KG

 

Viel Interessanter als die Frage, mit welchem Gerät wir das Netz nutzen, ist aber die, „wie“ und „wofür“ wir es nutzen werden. Die Kombination von Mobilität, 3G und GPS ermöglicht Dienste, die mit Desktop-PCs eher wenig Sinn ergaben; ich denke da an ortsbezogene soziale Netze, wie sie zum Beispiel der noch recht rudimentär funktionierende Service Foursquare.com erahnen lässt. Da wird noch einiges kommen.

Onpulson: Welche Inhalte eignen sich besonders für das mobile Internet und an welche Zielgruppen richten sie sich?

Mario Sixtus: Als das Web noch jung war hieß es, lange Texte funktionieren nicht, das Lesen am Monitor sei zu mühsam, die Augen ermüden u.s.w. Auch heute noch verkünden irgendwelche Medienberater, Videos im Web sollen nicht länger als drei Minuten sein. Das ist natürlich Unfug. Mittlerweile schauen die Menschen ganze TV-Serienstaffeln auf ihren Notebooks und ein ZEIT-Dossier lässt sich heutzutage auf dem Smartphone bequemer durchlesen, als in der unhandlichen ZEIT.

Die heutigen Smartphones eignen sich für nahezu jegliche Form von Mediennutzung. Abgesehen von der durchaus noch vorhandenen Akku-Problematik sind also nicht mehr die Geräte der einschränkende Faktor der mobilen Mediennutzung, sondern Zeit und Situation. Wer nur kurz auf den Bus wartet, wird dabei kaum eine Folge „Lost“ schauen, wer eine Stunde im Zug sitzt, schon eher.

Interessanterweise sind iPhone und Co. allerdings primär Geräte zum reinen Konsum von Medien. Die bereits von Marshal McLuhan (1972) und Alvin Toffler (1980) gesichteten „Prosumer“, also Nutzer, die Medien nicht nur konsumieren, sondern weiterverarbeiten und wieder veröffentlichen, schauen weitgehend in die Röhre. Das Tippen eines längeren Textes auf den winzigen Bildschirmtastaturen lässt einen von der Idee, auf diesen Dingern einen längeren Blog-Eintrag zu verfassen, schnell Abstand nehmen.

Onpulson: Sind deutsche Mobillfunkunternehmen (und deren Tarife) auf das mobile Internet wirklich vorbereitet?

Mario Sixtus: Das so genannte mobile Internet (ich mag diesen Begriff nicht: es gibt nur ein Internet) wird erst dann richtig abheben, wenn wir echte Flatrate-Tarife ohne irgend eine Form von Tempodrosselung, Volumen- oder Zeitbegrenzung haben. Das Oligopol der deutschen Mobilfunkunternehmen hat einen wirklichen Massenstart des Unterwegs-Internet bisher recht erfolgreich verhindert. In anderen Ländern ist das anders gelaufen; hierzulande muss der Druck der Straße wohl noch ein wenig größer werden, bis die ersten echten Flatrates auf die Angebotszettel kommen.

Dass die Mobilfunkkonzerne so zögerlich sind, liegt natürlich auch daran, dass sie sich das Geschäft ganz anders vorgestellt hatten: Als sie für teures Geld die UMTS-Frequenzen ersteigerten, planten die Mobilfunker, ihre Kunden in eingezäunte Internet-Simulationen einzusperren, in denen diese dann brav Klingeltöne, bunte Bilder oder auch Sex-Filmchen kaufen sollten. Das hat schon bei AOL und Compuserve nicht auf Dauer funktioniert und die öden Datentristessen, die obendrein mit solch furchtbaren Ortsschildern wie „T-Zones“ versehen waren, wollte auch niemand freiwillig besuchen.

Das offene Internet ist Mobilfunkunternehmen unheimlich, und sie versuchen, wo es geht, den Nutzer in seinen Freiheiten einzuschränken – siehe die Sperrung von VoIP-Diensten wie Skype. Mittelfristig werden die Unternehmen diese Position aber aufgeben und die Daten frei fließen lassen müssen. Das ist eine Art Naturgesetz.

Onpulson: Viele Verlage sind schon mit Bezahlmodellen im Web gescheitert. Nun versuchen sie es im mobilen Internet. Wird das funktionieren?

Mario Sixtus: Interessanterweise sind Internet-Nutzer ja durchaus bereit, für Medien zu zahlen (siehe den iTunes-Store), im Netz herrscht nämlich weniger eine, von Seiten der alten Medien so oft gerügte Kostenlos-Mentalität, als vielmehr eine Sofort-Mentalität. Die Frage lautet also eher, ob die Verleger etwas anzubieten haben, für das Menschen bereit sind zu zahlen, und da bin ich skeptisch:

Nachrichten sind eine schnell verderbliche Ware und obendrein flüchtig, sie lassen sich weder durch Urheberrechte noch durch DRM-Maßnahmen einsperren. Reine News-Seiten werden es daher schwer haben, eine nennenswerte Anzahl zahlender Abonnenten zu gewinnen. Ob sich so genannte Qualitätsinhalte, also Hintergrundberichte, Analysen oder – so sie in Deutschland denn alle Jubelmonate mal stattfinden – investigative Recherchen verkaufen lassen, muss man ausprobieren. Ausprobieren ist allerdings nicht die große Stärke deutscher Verleger; statt mit Unternehmertum, Experimentierfreude und Phantasie gegen ihre momentane Misere anzusteuern, versuchen sie bekanntlich lieber, solch absurde Kopfgeburten wie das so genannte Leistungsschutzrecht herbei zu lobbyieren. Man könnte das einen unternehmerischen Offenbahrungseid nennen und dagegen helfen auch keine kostenpflichtigen iPhone-Apps.

Onpulson: Derzeit kämpfen vor allem Apple und Google um die Vorherrschaft um das mobile Web. Apple setzt wie immer auf ein geschlossenes System, Google auf offene Standards. Wer wird letztlich durchsetzen?

Mario Sixtus: Die Geschichte des Web hat gezeigt, dass offene Standards proprietären Ansätzen fraglos überlegen sind. Sie erlauben einen offenen Ideen-Wettbewerb und ermöglichen so eine Angebots- und Anbietervielfalt, die geschlossene Plattformen niemals bieten können.

Allerdings: Apple ist mit seinen verdongelten iKästen erstaunlich erfolgreich. Viele Konsumenten stören sich offenbar wenig bis gar nicht an der Bevormundung, die ab Werk in ihre Geräte eingebaut ist.

Allerdings impliziert Ihre Frage einen Wettkampf, den es so nicht gibt: Apple interessiert sich nicht sonderlich für das mobile Web, sondern verkauft primär mobile Medienkonsumgeräte und die dazugehörigen Medien. Diese Strategie zeigt sich besonders am neuen iPad: Es existiert beispielsweise kein technischer Grund dafür, dass auf der Kiste kein Flash läuft – wohl aber ein unternehmerischer: Apple möchte gerne, dass seine Kunden Fernsehserien im iTunes-Store kaufen, statt sie auf Hulu.com oder sonstwo anzuschauen. (In diesem Zusammenhang darf man auch nicht vergessen, dass Steve Jobs größter Einzelaktionär von Disney ist).

Die Macintosh-Ära, als Apples Hauptkunde die kreative Klasse war, ist lange vorbei. Inzwischen möchte Apple keine aktiven, kreativen Nutzer mehr, sondern brave iTunes-Konsumenten, die vorzensierte Apps kaufen, Musik hören und Filme anschauen. Apple hat mit dem iPad aus einem Computer, also aus einer quasi-universellen Maschine, eine Art Fernseher gebaut, der allenfalls ein wenig interaktiver ist, als seine Röhren-Schwippschwäger. Aus genau diesem Grund zeigt
Apple am wilden, ungeordneten Web – ob mobil oder nicht – wenig Interesse.

Ganz anders Google: Mit Chrome-OS setzt der Konzern auf das Überall-Immer-Internet, in dem wir unsere Daten speichern und in dem die Anwendungen laufen, die wir täglich nutzen. Die Hardware mit der wir darauf zugreifen, wird nach dieser Logik immer unwichtiger. Anders als Apple oder Microsoft ist Google ein Unternehmen, das im Web geboren wurde und das die dort herrschenden Naturgesetze versteht. Aber auch die Google-Cloud-Aussicht ist für Nutzer nicht ohne Risiken:

Man muss schon eine Extra-Portion Vertrauen gelöffelt haben, um seine persönlichen Daten in irgendwelche Rechenzentren zu schaufeln, auf die man selbst keinerlei Zugriff hat. Und: Auch Applikationen im Web ist der Nutzer hilflos ausgeliefert. Schon der missglückte Relaunch einer Web-App kann den persönlichen Workflow ganz schön aus dem Tritt bringen, denn anders als bei Dektop-Applikationen kann man nicht zur vorigen Version zurückkehren. Auch die Google-Strategie beinhaltet somit eine gewisse Nutzer-Entmündigung.

Kurz: Auf dem Markt der mobilen Medienkonsumgeräte hat Apple beste Chancen, im Web würde ich trotz aller Vorbehalte auf Google setzen.

Onpulson: Herr Sixtus, vielen Dank für das Interview!

Weblinks zum Thema

(Dow Jones)