Nachhaltiges Wirtschaften

Umweltschutz im E-Commerce: Schwächen in Stärken umwandeln

Direkte, klassische Umweltschutzbemühungen sind nicht die Stärke des Online-Business – wohl aber kreative neue Wege. Foto: fotolia.com © Nick Langer

Judo – ein kleiner, schwacher Mensch wirft eine ungleich größere, stärkere Person zu Boden. Wie konnte das passieren? Ganz einfach, indem man die Stärken des Gegners zu seinen eigenen umwandelt und seine Schwächen so kompensiert – die größere Masse des Gegners sorgt hier für mehr Angreifbarkeit. Was dieser Ausflug in die Welt des Kampfsports mit E-Commerce und Umweltschutz zu tun hat: Hier funktioniert es ganz ähnlich, bloß dass niemand umgeworfen wird. Aber das Prinzip, die eigenen Schwächen zu überdecken, indem man die Stärke seines Gegners für sich ausnutzt, ist das Gleiche. Denn was dem E-Commerce an eigener Schlagkraft fehlt, macht es durch die gewichtigen Umwege wieder gut. Der folgende Artikel verrät mehr über diese Stärken und Schwächen und auch, wie sie in der Praxis als Hebel verwendet werden.

1. Die Online-Krux

Ein zentrales Lager- und Versandzentrum. Das lässt je nach Unternehmensgröße nur vergleichsweise wenig Spielraum für Einsparmaßnahmen. fotolia.com © Kadmy

Praktisch kein Jahr der vergangenen zwei Jahrzehnte, in dem E-Commerce keine neuen Rekorde bei den Absatzzahlen vermelden konnte. Doch je wichtiger und größer das Business wurde, desto überdeutlicher trat ein Negativtrend in Sachen Umweltschutz zutage: E-Commerce ist das, was man bekommt, wenn man klassischen Handel maximal eindampft. Es wird ungleich zur Industrie nichts produziert und es fallen auch keine Ladengeschäfte an. Ein einzelnes, im Vergleich zu mehreren Filialen enorm energieeffizientes Lager- und Versandzentrum reicht völlig aus.

Das sorgt zwar dafür, dass der Onlinehandel um Längen umweltfreundlicher als der klassische Einzelhandel ist. Jedoch mit einem dicken aber. Denn es gibt schlicht nur geringe Möglichkeiten, auf klassischem Weg noch Umweltschutz zu betreiben. Der Offline-Einzelhändler kann an vielen Standorten wärmedämmen, kann verschlanken – beim E-Commerce sind diese Möglichkeiten bereits durch das Business-Modell an sich weitestgehend ausgeschöpft. Und wenn man diese Maßnahmen am Standort alle etabliert hat, ist erst einmal Schluss. Man kann den Versandhandel an seiner Basis nicht wirtschaftlich energieeffizienter machen – ungleich zur Industrie, wo allein durch Entwicklungsarbeit noch gewaltige Einsparungen möglich sind.

An diesem Punkt kommt die Judo-Analogie erneut ins Spiel. Denn E-Commerce zeichnet sich durch extrem unkonventionelles Denken aus. Hier bietet sich Möglichkeiten, durch Cleverness – statt roher Gewalt – das Thema Umweltschutz anzugehen.

2. Der klassische Weg – Stromsparen

Server sind nicht nur wichtigster Garant für schnelle Verkaufserlebnisse, sondern auch 24/7 laufende Stromfresser mit Einsparpotenzial. fotolia.com © kiri

Was das E-Business, zumindest bei den größeren Händlern, von anderen Handelszweigen unterscheidet, ist die schiere Menge an Computerisierung. Computer der Mitarbeiter, Server etc. benötigen viel Strom. Zwar vergleichsweise wenig im Vergleich mit einem produzierenden Gewerbe, aber immer noch signifikant mehr als der „Schuhladen an der Ecke“. Gleichsam mit dem sich hier anbietenden Einsparpotenzial offerieren sich aber auch Schwächen. Denn Einsparungen bei Computern gehen immer zulasten der Leistung:

  • Einsatz sparsamer Prozessoren – aber nicht so sparsam, dass darunter die Zugriffsgeschwindigkeit für die Kunden leidet.
  • Reduktion auf weniger, dafür leistungsstärkere Server
  • Einbau leistungsoptimierter Netzteile
  • Ausweichen auf simplere Erweiterungssysteme, die weniger Strom verbrauchen
  • Traffic-basierende Leistungsüberwachung, die selbsttätig zu- und abschaltet

Das Problem daran ist, dass sich auf diese klassische Weise relativ wenig Energie einsparen lässt – und es ein sehr fein abgestimmter, dauerüberwachter Balanceakt ist, bei dem ein zu viel eingesparter Prozentpunkt die Leistung in den Keller reißt und somit direkt Kunden kosten kann. Aus diesem Grund weichen viele Onlinehändler zusätzlich noch auf klassische Einsparmaßnahmen der Energetik aus, sei es durch digitalisierte Steuerungen für Klima und Beleuchtung oder den schlichten Neu- bzw. Umbau von Räumlichkeiten nach aktuellen energetischen Standards.

Drohnen werden über kurz oder lang definitiv einen Großteil des Versandhandels ausmachen – Umweltschutz ohne Umwege. fotolia.com © Komarov Andrey

Drohnen werden über kurz oder lang definitiv einen Großteil des Versandhandels ausmachen – Umweltschutz ohne Umwege. fotolia.com © Komarov Andrey

3. Ausweichen

Aber weil die meisten E-Business solche Methoden bereits anwenden, besteht der nächste Schritt darin, auszuweichen. Und hier ähneln sich die meisten Unternehmen noch, denn eines eint den Onlinehandel jenseits aller Produktgrenzen: Die untrennbare Verbindung mit der Auslieferung an den Kunden.

  • Basis ist die Zusammenarbeit mit einem Klimaschutz-zertifizierten Logistikunternehmen. Dabei ist die Auswahl einfach, weil von DPD über Hermes und DHL praktisch kein Anbieter mehr existiert, der nicht durch dedizierte Maßnahmen seinen ökologischen Fußabdruck reduziert.
  • Der nächste Schritt ist das notwendige Verpackungsmaterial. Zur Verdeutlichung: Der schnöde Karton beansprucht im Onlinebusiness nicht nur bis zu 90% der aufgewendeten Arbeitszeit, sondern verursacht bis zu 40% der Kosten. Der Einsatz recycelter Pappe ist praktisch Standard. Auch, weil der Materialkreislauf in Deutschland sehr gut funktioniert. Dennoch wird weitergedacht. Etwa durch Maßnahmen wie wiederverwendbaren Versandverpackungen.
  • Erhöhung der absoluten Effizienz zur Verminderung der Retourenquote. Tag für Tag werden in Deutschland eine knappe Million online gekaufte Pakete zurückgesendet. Nicht nur eine Umweltbelastung, sondern es kostet auch bares Geld. Ziel ist es, durch klarere Produktbeschreibungen, bessere Fotos und, vor allem in der Kleiderbranche, präzisiere Größenangaben die Rücksenderate zu verringern. Dazu gehört auch, Kunden zu sensibilisieren, sodass sie nur Produkte kaufen, die sie tatsächlich haben wollen – im Gegensatz zur gängigen Praxis, mehrere Stücke zum Ausprobieren zu bestellen und bis auf einen Rest zurückzusenden.
  • Noch durch technische und gesetzliche Bremsen Zukunftsmusik sind neue Auslieferungsverfahren, wie beispielsweise der Drohnen-basierte Versand. Theoretisch ließe sich dadurch eine gewaltige Reduktion der Emissionen realisieren – gleichzeitig eröffneten sich aber auch neue Probleme, von denen der Verlust an Arbeitsplätzen das Schwerwiegendste sein dürfte.
    Mit diesen Maßnahmen in verschiedenen Ausprägungen und unterschiedlicher Intensität arbeitet praktisch jedes E-Business vom kleinen Einzelhändler bis zum multinationalen Großkonzern. Doch auch damit ist die Fahnenstange nicht erreicht, denn es bleiben Dinge, welche die Natur des E-Commerce als Innovator und Entwicklungsmotor nehmen und diese Stärke multiplizieren.
Upcycling, hier Handtaschen aus dem Verschnitt von Gurtmaterialien, ist ein kostengünstiger Weg, aus Umweltschutz Profit zu generieren. fotolia.com © alho007

Upcycling, hier Handtaschen aus dem Verschnitt von Gurtmaterialien, ist ein kostengünstiger Weg, aus Umweltschutz Profit zu generieren. fotolia.com © alho007

4. Not macht erfinderisch

Auch wenn diese Zwischenüberschrift etwas herablassend klingt, sie ist es nicht. Denn gerade weil das E-Business so innovativ ist und unkonventionelle Ideen weit mehr fördert als andere Branchen, kristallisierten sich hier in den vergangenen Jahren immer wieder Einsparpotenziale heraus, die direkt aus dem online-eigenen Querdenken erwuchsen. Einige Beispiele aus der Branche:

  • Ein Garchinger Label hat sich völlig der Verwertung und dem Upcycling von alten Feuerwehrschläuchen verschrieben. Aus dem extrem widerstandsfähigen Materialmix entsteht die sogenannte „Feuerwear“-Linie, bei der die alten Schläuche zu Handy- und Tablethüllen, Taschen und Rucksäcke werden.
  • Ein Kölner Banner-Versand machte die sehr spezifische Not dieses Zweiges auf zweierlei Arten zur Tugend. Einerseits, indem er ausgediente Banner zurücknimmt und einem Projekt zukommen lässt, das daraus Umhängetaschen fertigt. Und andererseits, indem er Verschnitte und Materialreste einem Recycling-Zusammenschluss zuführt, der sich auf die Wiederverwertung von PVC-beschichteten Stoffen spezialisiert hat.
  • Ein amerikanisches Startup hat sich komplett der Problematiken der Verwertung alter Fischernetze angenommen. Diese sind aus Kunststoff und verrotten nicht. Das Unternehmen hat in Chile Sammelstellen eingerichtet und nutzt die Netze als Rohstoff, um daraus Skateboards und Sonnenbrillen zu fertigen.
  • Ein Hamburger Möbelhersteller ersann eine kreative Herangehensweise an die Verwertung ausgemusterter Turngeräte. Aus dem meist sehr langlebigen Schichtholz von Barren, Kasten und Co. entstehen Möbel aller Art und die nicht minder robusten Lederbezüge werden zu Gürteln und Telefonhüllen weiterverarbeitet.
  • Ein Segelhersteller aus Hövelhof fährt indes seit seiner Grünung bereits zweigleisig, indem, zunächst aus Verschnitt und Resten, Taschen hergestellt werden. Heute produziert das Unternehmen praktisch hauptberuflich nur noch Taschen und richtet sich dabei nicht nur an Privatanwender, sondern auch explizit an Hilfsdienste wie beispielsweise Feuerwehren und Rettungssanitäter.

Was allen diesen Unternehmen gemeinsam ist, ist der Gedanke des Upcycling – also dem Herstellen eines neuen, besseren Produkts aus einem normalerweise nicht mehr wirklich gebrauchsfähigen Zustand heraus. Das unterscheidet Upcycling von klassischem Recycling. Bei letzterem geht es darum, ein Abfallprodukt erst zu neuen Rohstoffen umzuarbeiten aus denen dann wiederum neue Produkte entstehen. Upcycling übergeht diesen Rohstoff-Zwischenschritt und fertigt direkt aus dem Ausgangs- ein neues Endprodukt.

Steigende Urbanisierung, hohe Geschwindigkeit, kleiner Umwelt-Fußabdruck. Das perfekte Rezept, um durch Fahrradkuriere mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. fotolia.com © Christian Müller

Steigende Urbanisierung, hohe Geschwindigkeit, kleiner Umwelt-Fußabdruck. Das perfekte Rezept, um durch Fahrradkuriere mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. fotolia.com © Christian Müller

5. Kreativer Ablasshandel

Allerdings kann längst nicht jedes Unternehmen im großen E-Commerce-Reigen auf solche Upcycling-Projekte setzen. Sei es, weil man dort gar nichts Physisches produziert, sondern „nur“ Dienstleistungen, oder weil die Produktauswahl sich schlicht und ergreifend nicht für das Upcycling eignet – etwa weil es sich dabei um Verbrauchsprodukte wie Nahrungs-, Reinigungs- oder Pflegemittel handelt. Doch auch in diesen Fällen stehen noch einige Möglichkeiten offen, meist in Form einer Art modernen Ablasshandels:

  • Praktisch Standard und für wirklich jedes E-Business geeignet ist die Investition in Klimaschutzprojekte rund um den Globus. Dabei wird einfach ein Teil des Gewinns in diese Projekte investiert, die dann durch Wiederaufforstungen, Verhindern von Rodungen etc. das CO2 einsparen, dass im Onlinehandel produziert und nicht direkt vermieden werden kann.
  • Vor allem für innerstädtische Unternehmen interessant ist das Unterstützen von umweltschützenden Direktversandmethoden anstelle des Ausweichens auf klassische Logistikunternehmer. Hierbei wird die Lieferung von Fahrrad- oder E-Bike-Kurieren aufgenommen und an den Kunden weitergeleitet. Zwar ist das keine großmaßstäbliche Lösung, aber angesichts der steigenden Urbanisierung vor allem für kleinere Unternehmen in Großstädten interessant. Auch, weil dies die Auslieferungszeit massiv verkürzt.
  • Eingeführt von Amazon und mit Sicherheit bald auch auf unteren Etagen des E-Commerce zu finden, sind Spendenkampagnen. Dabei kann der Käufer freiwillig unter einer großen Anzahl von Organisationen wählen, die er unterstützen will. Dabei reicht die Wahl von internationalen Projekten bis hin zu regionalen Vereinen. Diese Zentralisierung hat zwar nicht zwangsweise mit Umweltschutz zu tun, aber dafür viel mit sozialer Nachhaltigkeit.
  • Generell ist der Trend des Regionalen mittlerweile auch auf viele Bereiche des E-Commerce übergeschwappt. Der Umweltschutzgedanke wird hier dadurch bedient, dass Herstellungs- und Vertriebswege kurzgehalten werden. Gleichsam entsteht dadurch aber auch ein lokaler Vertriebsvorteil durch Betonung einer gemeinsamen, regionalen Identität, einer gewissen „Street Credibility“, wenn man es so nennen möchte.
    Vor allem der letzte Punkt zeigt, dass die Kreativität des Onlinehandels hier extrem hohe Wellen schlagen kann. Insbesondere aus der Tatsache heraus, dass mit E-Commerce eigentlich Kosmopolitismus und Globalisierung verbunden wird.

Fazit

E-Commerce und Umweltschutz lässt sich eins zu eins mit dem Sprichwort „aus der Not eine Tugend machen“ übersetzen. Die Not besteht darin, dass für sich genommen wenige Einsparpotenziale zur Verfügung stehen, die nicht in Relation zur wachsenden Bedeutung des Online-Business stehen. Die Tugend ist indes die Verwendung ureigener Kreativitäts-Mechanismen, um daraus Alternativen zu ersinnen und somit trotzdem enorme Einsparpotenziale zu generieren.


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