Bürogeschichten

Mein Chef, der Super-Geizhals!

Bernd B. ist seit fast 10 Jahren in der Graphikagentur tätig. Er ist fleißig, arbeitet präzise und kann gute Arbeit pünktlich abliefern. Zu deutsch: Er ist der kreative und zuverlässige Kopf der Agentur. Sein Chef pflegt zwar die Geschäftskontakte, von der Materie selbst hat er aber kaum Ahnung. Er ist halt der reine Organisator. Ist Bernd B. im Urlaub oder krank, gibt es die Agentur quasi nicht. Sein Chef kann zwar die Zeit zum Organisieren nutzen, doch Aufträge können nicht erledigt werden, denn seine einzige Arbeitskraft hält in diesen Momenten den Agenturmotor nicht am Laufen. Ganz klipp und klar: Ohne Bernd B. wäre das Unternehmen tot.

Jetzt wäre es nahe liegend, dass der einzige Angestellte des Weltunternehmens gehegt und gepflegt werden müsste wie ein zartes Pflänzchen – doch das Gegenteil ist der Fall. Der Grund: Sein Chef ist sehr geizig, und Bernd B. wird des öfteren Opfer seiner recht herben Sparmaßnahmen.

Zum Geschäftstermin mit der Mitfahrzentrale

Gutes Beispiel ist ein wichtiger Geschäftstermin in Nürnberg im vergangenen Jahr. Der Cheffe und Bernd B. hatten dort zwei wichtige Kundentermine. Doch anstelle dass die beiden gemütlich den Weg von Hamburg nach Nürnberg mit einem bequemen Inlandsflieger oder dem ICE hinter sich legten, buchte der Chef für sich und seinen einzigen Angestellten einen Platz bei einer Mitfahrzentrale. „Das kommt uns günstiger!“ verkündete er stolz, nachdem er zwei Mitfahrgelegenheiten gesichert hatte: Die eine ging bereits um 5 Uhr in der Früh, die andere etwas später. Weitere Möglichkeiten gab es bis dato nicht, um mit dem PKW nach Nürnberg zu kommen. Obwohl der erste Termin irgendwann am Mittag war, startete der Chef bereits mit dem Auto am frühen Morgen, weil er – wie er stolz verkündete – „Noch die Einkaufsmeile von Nürnberg City anschauen wollte.“ Wers glaubt wird selig – Bernd B. jedenfalls wollte nur ausgeruht zum Termin erscheinen – kein Interesse an Sight-Seeing.

Mit dem Chef ins Doppelzimmer

Nach dem – wohlgemerkt sehr erfolgreichen Termin – checkten der Boss und sein einziger Angestellter in einem gut bürgerlichen Hotel ein. Bernd B. war ganz überrascht, als er das nette Haus von außen sah: Es sah viel versprechend aus. Doch er sollte sich mal wieder zu früh freuen (langsam müsste er seinen Vorgesetzten doch kennen…..). „Ich habe uns ein Doppelzimmer gebucht, weil zwei einzelne Zimmer zu teuer waren“, verkündete dieser seine neueste Sparaktion mit geschwollener Brust. Der einzige Angestellt stöhnte innerlich. Die Aussicht mit seinem Boss eine Nacht lang ein Doppelzimmer teilen zu müssen, überstieg seine Vorstellung von Loyalität zum eigenen Unternehmen.

Erst der Regionalzug und dann ab in den Kleintransporter

Doch die Geschäftsreise war noch nicht zu Ende. Der zweite, wichtige Termin fand am nächsten Tag abermals am Nachmittag statt. Auch hier konnten die beiden sich gut verkaufen und erfolgreiche Verhandlungen verzeichnen. Bernd B. spekulierte – mit Recht – bereits auf eine Heimfahrt mit dem ICE. Doch Pustekuchen: Sein Chef hatte mal wieder zwei Mitfahrgelegenheiten organisiert. Bernd B.`s ging um 9 Uhr abends, diesmal von Würzburg aus. „Sie fahren mit dem Regionalzug von Nürnberg nach Würzburg und dort wartet dann ihre Mitfahrgelegenheit“, sagte der Boss mit einer Stimme, als hätte er gerade ein Concord-Ticket überreicht – wenn es die noch gäbe.

Die Fahrt von Würzburg übertraf alle Horrorvorstellungen von Bernd B., der nach einem gestressten Tag wie diesem wahrlich etwas anderes verdient hätte. Er saß in einem Kleintransporter zwischen einem hustenden und schnupfenden Alt-68-er. Dieser fing im kleinen Innenraum an zu rauchen, nachdem es draußen angefangen hatte zu regnen. Der Fahrer des PKWs war ein viel beschäftigter Mensch, der unter hohem Zeitdruck Zeitungen in Norddeutschland abliefern musste und dementsprechend die Autobahn entlang raste. Die Fahrt nutzte er, um sämtliche Kolleginnen und Freundinnen auf seinem Handy anzurufen. Ohne Freisprechanlage wohlgemerkt – ein weiterer Adrenalinkick für den einzigen Angestellten der norddeutschen Graphikagentur. Als Bernd B. nachts um 2 Uhr in seiner Heimatstadt endlich ankam, war seine Familie längst zu Bett gegangen. „Naja, zumindest ein eigenes Bett“, freute er sich – man wird ja anspruchslos im Leben.

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