BürogeschichtenDeutschland im Meeting-Rausch

Kekse und frischer Kaffee für den Meeting-Day

Zwei fleißige Bienchen, auch Teamassistentinnen genannt, schweben ins Besprechungszimmer des Stromkonzerns „Garantiert Störungsfrei“. Es ist 7:30 Uhr. Beide Bienchen sind wie jeden Morgen bereits früh aufgestanden, haben sich hübschisiert und sind in aller Frühe bei strömenden Regen mit öffentlichen Verkehrsmitteln eineinhalb Stunden zu dem Unternehmen ihres Herzens gefahren. Heute steht die Vorbereitung eines Meetings im „Großen Besprechungssaal“ an. Die Bienchen summen und brummen, kochen Kaffee, stellen Plätzchen in weißen Schälchen bereit und decken alles fein säuberlich auf den Tischen ein. Ihre Arbeit ist an diesem Ort des Geschehens zunächst einmal getan. Erst später kommen sie zurück, um den Kaffeemüll zu entsorgen.

Outlook – mein bester Freund und Helfer

Ortswechsel in einem Büro im vierten Stock in Norddeutschland. Michael S. stöhnt. Er schaut den Stapel Arbeit an, den er diese Woche zu erledigen hat. Seit längerem liegt er unbearbeitet herum. Gerade als er eine wichtige Mail beantworten will, ruft sein Chef durch. Er ordnet an, dass Michael S. seine Arbeit, die er letzte Woche erledigt hat, detailliert dokumentieren soll. „Welche Arbeit?“, fragt sich Michael S. mit Blick auf sein Outlook. Letzte Woche standen doch – er zählt durch – 15 Meetings an. Und diese Woche? Michael S. ist schon ganz nervös, bevor er sein Outlook noch mal durch checkt: „Ach ja, diesmal sind es nur dreizehn“, stellt er erleichtert fest. Naja, wieder mal kostenlos Käffchen trinken, Kekschen essen und sich anhören, was die anderen Kollegen über ihre Arbeit zu erzählen haben. Er jedenfalls kann diesbezüglich nicht viel erzählen. Michael S. hat tagelang gemeetet, vor allem vor sich hingemeetet.

Die anderen Kollegen auch, das weiß er ganz genau. Doch die haben schlicht und ergreifend eine blühende Phantasie und stellen das Öffnen eines Dokuments und das Beantworten von vier Mails in drei Tagen als Heldentat dar. Der Chef nickt anerkennend: Er sieht in den vermeintlichen Helden die wahren Heilsbringer seines Unternehmens. Nebenbei bemerkt: Er hat es in den letzten drei Tagen gerade auf die Beantwortung von eineinhalb Mails gebracht. Allerdings hat er mehrere Stunden damit verbracht, den neuen Getränkeautomaten in der Teeküche ein zu weihen. Als seine Sekretärin kurz vorbei kam, um ihn zum Telefon für einen wichtigen Termin zu holen, testete der Chef gerade das neueste Kaffeegetränk mit Vanille-Loorbeer Geschmack. „Moment, ich komme gleich“, rief er seiner Sekretärin zu. Er nahm noch einen kräftigen Schluck aus dem Täschen und sagte in einem Ton der Überzeugung: „Man muss heutztage Prioritäten setzen.“

Powerpoint-Präsentation für Reinigungskräfte

Ortswechsel. 10 Uhr, irgendwo in Mitteldeutschland. Das hiesige Unternehmen, das eine 50-jährige Firmengeschichte vorzuweisen hat, öffnet seine Pforten. Der Geschäftsführer Jörg T. beginnt seinen Tag zunächst brummig und griesgrämig. Nur eins muntert ihn heute doch noch auf: Das Meeting mit den neuen Putzfrauen. Er will sie in die Kultur des Meetings einführen. Er hat bereits fünf Tage an einer ausgefeilten Powerpointstrategie gefeilt, im großen Sitzungssaal einen riesigen Flippchart installiert und freut sich jetzt endlich auf den Tag. Die gestrigen Diskussionen über Budgetkürzungen und nicht zu vermeidenden Einsparungen haben ihn tierisch angenervt: „Das ist doch seit geraumer Zeit nichts Neues“, murmelt er vor sich hin. Er will jetzt die Ärmel hoch krempeln und die neuen Putzfrauen in die Meetingkultur einführen. Da kommen sie schon. Drei sind es an der Zahl: Eine Dunkelhaarige, eine Rothaarige und eine Blondine. „Schwarz-rot-gold für Deutschland – mein Unternehmen ist gerettet!“ sagt er überzeugt.

In seiner Powerpoint-Präsentation erklärt er ihnen sehr genau, wie sie den Büromüll hinaus tragen und die Toiletten säubern sollen. Seine Sekretärin schüttelt nur den Kopf und denkt sich: „Juchuh Deutschland! Wir brauchen genauso Leute in Unternehmen, die den großen Müll und die großen Probleme aus den Firmen hinaus schaffen.“

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