Bürogeschichten

Reisezeit: Ab in den Urlaub!

Christiane K., Steffi F. und Sandra C. sind Kolleginnen. Sie arbeiten bei einer Behörde im Ruhrgebiet. Die drei kommen gut miteinander zurecht, gehen jeden Mittag – pünktlich um 12, wie es sich gehört – gemeinsam in die Kantine und ab und zu auch abends mal einen Prosecco trinken. Lieblingsthemen sind Beziehungen und – insbesondere im Sommer – Urlaub. Christiane hat diesen Sommer als erstes Urlaub: Drei Wochen Kuba mit Freund sind angesagt. In epischer Breite erzählt Christiane ihren Freundinnen Details über die Ferienanlage und die Sehenswürdigkeiten und Naturphänomene auf Kuba. Steffi und Sandra hören gespannt zu und werden total neidisch. Eine Stunde später reichen beide ihren Sommerurlaub beim Chef ein: „Jetzt muss ich sofort buchen, damit ich auch beim Mittagessen glänzen kann“, sagt Steffi zu sich selbst.

Auf ins Reisebüro!

Gesagt, getan. Pünktlich nach Feierabend sitzt Steffi bereits im klimatisierten Reisebüro und bucht mit einer Freundin vier Wochen Vietnam, Abenteuerurlaub. „Pah, ein schnödes Ferienreservoir ist mir zu langweilig“, sagt Steffi zu ihrer Freundin. Dabei erwähnt sie kurz die Pauschalreise ihrer Kollegin Christiane. Hierbei wird aus dem Ferienreservoir in Kuba schnell ein All-Inklusive-Urlaub auf Gran Canaria. Ganz so interessant möchte Steffi die Urlaubsziele ihrer guten Kolleginnen nicht darstellen – da tut mal eine Notlüge gut.

Auch Sandra fühlt sich angestachelt durch Christianes Erzählung von Kuba. Leider fliegt sie dieses Jahr bereits zum zweiten Mal nach Neuseeland. „Irgendwie langweilig!“ denkt sich Sandra. „Da muss eine neue „Urlaubsverpackungen“ her.“ Gesagt, getan: Sandra lädt einen Tag später ihre Kolleginnen zum Neuseeland – Diaabend ein. „Denen muss ich den Mund wässrig machen, noch bevor sie mit ihren Urlaubsanekdoten auffahren.“ Nach ihrem Comeback aus Neuseeland plant sie noch einen „New Zealand Evening“ mit Kiwiduftkerzen und Kiwicocktail. „Hauptsache originell und original“, sagt sich Sandra. Der eigentliche Urlaub interessiert sie momentan gar nicht so sehr.

Unternehmensberater am Goldstrand

Christof T. ist Unternhemensberater. Köln, München, Madrid, Paris – so oder ähnlich sah in den letzten Wochen sein Terminkalender aus. Natürlich tagsüber klimatisierte Büroräume, jede Menge Bepsrechungen und dazwischen Hotelzimmer, davor Hotelbar, später Minibar. In zwei Tagen hat er Urlaub, und er fliegt mit seinem Goldengel an den Goldstrand. Mehr als Bulgarien ist dieses Jahr nicht drin, sehr zum Bedauern seiner Freundin. Doch ab Herbst wollen sie bauen und Christofs Motto ist nach wie vor: „Man muss bleibende Werte schaffen.“

Christof ist auf dem Weg ins Wochenende: Freitag, 19 Uhr, überfüllter ICE Würzburg-Frankfurt. Alle Plätze sind belegt. Die Reisenden sitzen bereits auf dem Boden, lesen Ferienlektüre, kauen Kaubonbons und Gummibärchen und benetzen ihre trockene Kehle mit abgestandenem Wasser aus Plastikflaschen. „Juchuh“, schreit der Unternehmensberater innerlich, „In zwei Tagen geht es ab in die richtige Sonne und ans Meer und an den Strand.“ Trotz 40 Grad dank ausgefallener

ICE-Klimaanlage trägt Christof Anzugsjacke und ein Hemd mit langen Ärmeln. Er holt seinen Laptop heraus, setzt sich auf seinen Koffer und fängt fleißig an in die Tasten zu hacken. Hauptsache Aktivität bei der Hitze simulieren ist sein Motto. Neben ihm bekommt eine ältere Dame einen leichten Schwächeanfall und taumelt. Christof rückt zur Seite und stiert auf sein Statistikprogramm: „Arbeit geht vor“, murmelt er.

Auch Rentner suchen das Abenteuer

Betram S. ist mittlerweile über 70 Jahre alt. Er leidet an Altersdiabetes und das Herz ist auch nicht mehr das Flotteste. Nicht zu vergessen der Bluthochdruck. Der wöchentliche Hausarztbesuch ist als fester Termin im Kalender eingetragen. Doch das Sommer-Special der Deutschen Bahn möchte sich auch Betram nicht entgehen lassen: Für 29 Euro quer durchs Land in jede beliebige deutsche Stadt. „Das ist ein Knüller“, sagt Betram. Mutig setzt er sich Samstag morgen in einen der überfüllten ICEs (hier geht die Klimaanlage ausnahmsweise mal) und rauscht nach Nürnberg. In der überhitzten City läuft er zweimal die Fußgängerzone hoch und runter, lässt sich erklären, wo im Winter der Weihnachtsmarkt aufgebaut wird, trinkt einen Eiskaffee und bestaunt die Nürnberger Burg von unten. Abschließend kauft er sich noch auf dem Weg zum Bahnhof eine Rostbratwurst. „Hauptsache alles origianlgetreu“, stellt er beim Kauen fest.

Und sein Fazit, das schon vor Reiseantritt feststand, lautet „Ein wunderbarer Ausflug.“ Dies erzählt er auch stolz den Freunden und Bekannten zu Hause. Diese haben den Tag mit kühlen Getränken im Schatten ihres Gartens verbracht. Dass Betram eigentlich nur im aufgehitzten Asphalt geschwitzt und den Zeitpunkt herbeigesehnt hatte, bis er wieder im „klimatisierten“ ICE nach Hause fahren kann, verschweigt er. Und vor allem erzählt er das auch lieber nicht einem weiteren guten Bekannten: Seinem Hausarzt.


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