Wirtschaft & Politik

Kommentar: Leute vom Fach – wenn alle an einem Strang ziehen

Doch diese Situation hat sich grundlegend gewandelt: In Deutschland sind derzeit nach Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertages rund 30.000 Ausbildungsstellen unbesetzt. Schon wird der Begriff „Fachkräftemangel“ nicht mehr in Form einer Prognose, sondern einer Diagnose verwendet. Innerhalb der nächsten 15 Jahre wird die Bevölkerungszahl in Deutschland laut der Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes um etwa 2,9 Millionen Menschen sinken.

Gastkommentar von Dr. Frank Elster, Geschäftsführer der Jugendbildung Hamburg gGmbH

Gastkommentar von Dr. Frank Elster, Geschäftsführer der Jugendbildung Hamburg gGmbH

Die für den Arbeitsmarkt besonders interessante Alterssparte zwischen 30 und 50 Jahren schrumpft im gleichen Zeitraum sogar um fast fünf Millionen. Andererseits jedoch gibt es einen gleichbleibend hohen Bestand an „unversorgten“ Jugendlichen – jungen Menschen, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben.

Wie erklärt sich dieser offensichtliche Widerspruch? Nach Aussagen vieler Betriebe ist jeder fünfte Schulabgänger in Deutschland nicht ausbildungsreif. „Nicht Lehrstellen, sondern geeignete Bewerber sind knapp“, so DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben.

Wollte man nicht ausschließlich auf Migration setzen, so sind diese nicht ausbildungsreifen Jugendlichen jedoch das einzige Reservoir für die Fachkräfte von morgen, das wir besitzen. Um diese Ressource zu aktivieren, müssen jedoch alle beteiligten Akteure sich bewegen und an einem Strang ziehen:Die öffentliche Hand muss die (knappen) zur Verfügung stehenden Mittel besser koordinieren und deren Bereitstellung von unnötiger Bürokratie befreien. Die unterschiedlichen Finanztöpfe und Rechtskreise sind kaum koordiniert und behindern sich in der Praxis vor Ort oftmals gegenseitig. Zudem sind viele Förderprogramme für Betriebe mit derart hohen bürokratischen Hürden behaftet, dass viele Unternehmen davor zurückschrecken, sie in Anspruch zu nehmen (wenn sie sie denn überhaupt kennen).

Die freien Bildungsträger müssen aufhören, sich nur als Auftragnehmer der öffentlichen Hand zu verstehen. Denn eigentlich ist es eine Dienstleistung für die Wirtschaft, die sie erbringen. Vielen Bildungsträgern fehlt es aber an Kooperationsbereitschaft mit der Wirtschaft und an der entsprechenden Dienstleistungsmentalität.Die Unternehmen müssen sich verstärkt der Kooperation mit Bildungsträgern öffnen. In einer Umfrage der Handelskammer Hamburg kam der Punkt „Bildungsträger“ bei der Frage nach den Rekrutierungsstrategien Hamburger Unternehmen bei der Suche nach Auszubildenden nicht einmal vor. Dabei besitzen die Bildungsträger das pädagogische Know-how, auch betriebsferne und wenig ausbildungsfähige Jugendliche auf die Spur zu setzen und erfolgreich auszubilden.

Die Kombination aus Praxisnähe der Betriebe, pädagogischem Know-how der Bildungsträger und einer gezielten, unbürokratischen und sachgerechten Finanzierung seitens der öffentlichen Hand ist der einzige Weg, die Ressource der (noch) nicht ausbildungsfähigen Jugendlichen zu nutzen und dem Fachkräftemangel rasch gegenzusteuern.


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