Unternehmensführung

Über die Herausforderungen einer Web 2.0 Unternehmensgründung

Onpulson: Herr Börgermann, Sie haben im Mai 2008 Ihr Portal Wawerko gegründet. Bitte klären Sie unsere Leser auf, was Wawerko genau macht.

Chris Börgermann: Wawerko ist ein Online Portal für Selbermacher zur strukturierten Erfassung von Do-It-Yourself Anleitungen. Unsere Nutzer stellen das eigene Projekt anderen vor, indem Sie eine Schritt-für-Schritt Beschreibung mit Bildern und/oder Videos auf unserer Plattform veröffentlichen. Die DIY-Community lebt vom Wikipedia-Gedanken. Jeder kann kostenlos in den Anleitungen stöbern und sich revanchieren, indem auch er zeigt, wie man etwas selber machen kann, vom Bootsbau bis hin zum Sockenstricken.

Boergermann

Chris Börgemann, Gründer von Wawerko.de

Onpulson: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Wawerko zu gründen?

Chris Börgermann: Ein Freund war damals umgezogen und sah sich mit dem Problem konfrontiert, dass ein schwedisches Bücherregal nicht mehr komplett in einem Zimmer Platz fand und entsprechend modifiziert werden musste. Auf der Suche nach einer passenden Anleitung hat er dann Stunden in Foren verbracht und nach einer Lösung gesucht. Daraus entstand dann die Idee DIY Projekte und Heimwerker-Anleitungen in einem Portal übersichtlich zu bündeln.

Onpulson: Wer sind zur Zeit Ihre direkten Wettbewerber am deutschen Markt?

Chris Börgermann: Das hängt davon ab, was man als “direkt” definiert. Im Onlinebereich finden sich viele Ratgeber-Portale, die aber wenig fokussiert sind auf Projekte zum Selbermachen. Hingegen ist die Gemeinschaft der Blogger mit DIY-Interesse sehr fokussiert, betreibt dies aber nicht als Geschäft und die klassischen Verlage haben entweder den Einstieg verschlafen oder laufen nur halbherzig dem Online-Trend hinterher. Letztlich versuchen auch Werkzeughersteller oder Baumarktketten Online Communities zu entwickeln. Dabei handelt es sich jedoch nicht um deren Kerngeschäft und bisher sind die Seiten stets zu bloßen Verkaufsportalen für die eigenen Produkte verkommen. Und echte Selbermacher und kreative Geister schreckt dies eher ab.

Onpulson: Was ist die USP von Wawerko, was macht Ihr Portal einzigartig?

Chris Börgermann: Unser Alleinstellungsmerkmal ergibt sich letztlich aus den aufgeführten Schwächen des bisherigen Marktes. Gelegentlich wird bereits von Web 3.0 gesprochen, während Web 2.0 in den meisten Unternehmen noch nicht angekommen ist, doch konzentrieren wir uns zunächst auf ersteres. Dadurch, dass echte Selbermacher anderen zeigen, wie man Dinge nachbaut, -bastelt oder repariert, scheinen die Anleitungen für den Nutzer besser verständlich, als es redaktionell aufbereitete Inhalte sein werden. Zudem wird im Gegensatz zu den Foren die relevante Information, nämlich die eigentliche Problemlösung, in den Vordergrund gerückt und verbleibt nicht im meist chaotischen Diskussionsstrang. Somit wird der Aufwand einer Suche für den Nutzer erheblich reduziert.

Onpulson: Welche Strategien verfolgen Sie, um Geld mit Ihrem Produkt zu verdienen?

Chris Börgermann: Bisher arbeiten wir rein werbefinanziert. Dies ist uns bei der Gründung im Rahmen der Teilnahme an diversen Wettbewerben oftmals zum Vorwurf gemacht worden, da scheinbar allgemein angenommen wird, dass ein Unternehmen auf diese Weise nicht zu finanzieren und weiterzuentwickeln ist. Unsere Erfahrungen zeigen allerdings, dass man mit Online-Werbung Geld verdienen kann. Dennoch haben wir auch einige andere Konzepte zur Finanzierung in Planung, die wir mit der Zeit umsetzen werden.

Onpulson: Wieviele Mitglieder hat die Wawerko-Community?

Chris Börgermann: Wenn man die Zahlen anderer Communities betrachtet, kommt man meist zu dem Schluß, dass jeder überall angemeldet sein muss, damit das offiziell bekanntgegebene Zahlenwerk passt. Doch nicht die Anzahl der registrierten Mitglieder sollte entscheidend sein, sondern die Zahl der Aktiven. Vor allem dann, wenn die Inhalte von Nutzern generiert werden. Wawerko verfügt in Anbetracht dessen über aktive Mitglieder im mittleren vierstelligen Bereich. Diese schreiben allesamt regelmäßig Anleitungen oder bringen sich anderweitig aktiv in die Community ein. Genauere Zahlen möchte ich aber nicht nennen.

Onpulson: Wieviele Besucher kommen täglich auf Ihrer Website vorbei?

Chris Börgermann: Auch dort sind wir noch vierstellig. Die für die Werbenden interessantere Kennzahl der Page Impressions rangiert bei etwa 700.000 pro Monat. Natürlich ohne die Anfragen von Suchmaschinenbots mitzuzählen.

Onpulson: Traffic auf der Website ist ein wesentlicher Faktor für den Erfolg eines Internetportals. Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um möglichst schnell viele Besucher auf Ihrem Portal zu bekommen?

Chris Börgermann: Da wir komplett eigenfinanziert sind, nutzen wir natürlich primär die Möglichkeiten des Guerilla-Marketings. Wir sind in allen wichtigen Online Communities wie Twitter, Facebook und Co. mit Gruppen und Profilen vertreten und stellen außerdem in Zusammenarbeit mit unseren Partnern redaktionelle DIY-Videos auf allen großen Videoportalen (MyVideo, Sevenload, Clipfish, Youtube) zur Verfügung, die die Nutzer recht erfolgreich zu uns führen.

Onpulson: Ist in Ihrer Gründungsphase alles nach Plan gelaufen oder kam es zu bösen Überraschungen?

Chris Börgermann: Es ist unserer Meinung nach ziemlich viel richtig gelaufen, aber wir haben bspw. verpasst die existierenden Förderungen zu nutzen, weil wir zu früh gegründet haben. Und damit verfällt der Anspruch auf eine derartige Gründungsunterstützung in den meisten Fällen. Dies war aber gerade zu Beginn bedauerlich, denn die wirklichen Kosten fallen erst nach der Eintragung in das Handelsregister an und sind vor allem in den ersten Monaten nur schwer zu tragen, weil noch keine Einnahmen gegenüber stehen.

Onpulson: Was würden Sie im Nachhinein anders machen?

Chris Börgermann: Neben dem gerade beschriebenen Umstand haben wir ziemlich viel Zeit in die Teilnahme an Gründungswettbewerben investiert. Im Nachhinein hätten wir uns stärker mit der Geschäftsentwicklung befassen sollen, denn dann hätten wir sicherlich 6 Monate früher gegründet. Diesbezüglich positiv zu vermerken ist aber, dass wir dank des Businessplans, welchen wir stets einreichen mussten, eine sehr gute Strukturierung unserer Unternehmung erreicht haben. Von der obligatorischen Gründerbetreuung hatten wir uns jedoch mehr erhofft. So hatten wir im Rahmen der Wettbewerbe oftmals mit Personen Kontakt, die erstaunlicher Weise mit dem Medium nichts anzufangen wussten. „Web was?“ hörten wir des Öfteren.

Onpulson: Wie finanzieren Sie Ihr Unternehmen?

Chris Börgermann: Wie bereits erwähnt sind wir komplett eigenfinanziert. Das erzeugt vielfach Stirnrunzeln, weil es den Start natürlich nicht einfacher macht. Andererseits behält man aber auch alle Freiheiten hinsichtlich Unternehmensentscheidungen. Diese Unabhängigkeit ist uns sehr wichtig.

Onpulson: Wann rechnen Sie mit dem Break-Even?

Chris Börgermann: Berücksichtigt man die Gehälter der Gründer ist das schwer zu sagen. Da wir aber alle als wissenschaftliche Mitarbeiter über eine Anstellung an der Universität verfügen, verbleiben nur Werbe- und Betriebskosten, die wir mit den bisherigen Einnahmen sehr gut decke
n können.

Onpulson: Der StudiVZ Gründer Ehssan Dariani, antwortete kürzlich in einer Talkshow auf die Frage, wie man mit Social Networks Geld verdient, „ dass dies nur durch einen Exit möglich ist.“ Wie ist Ihre Meinung dazu?

Chris Börgermann: Das wäre meine Antwort auf die Frage wie man mit Social Networks am schnellsten(!) Geld verdient. Aber es stimmt schon: Die meisten sozialen Netzwerke haben Probleme mit der Monetarisierung. Jedoch basiert der Wert von Wawerko hauptsächlich auf den Inhalten und ist nur in einem geringen Maße von Netzwerk Aspekten abhängig. Daher würde ich Wawerko auch als Social Content Network bezeichnen für das die obige Aussage sicherlich nicht gilt.

Onpulson: Wie wird es zukünftig mit Wawerko weitergehen? Welche Highlights werden uns demnächst erwarten?

Chris Börgermann: Wo soll ich da anfangen?! Mit unseren Ideen und ToDos könnten wir sicherlich noch zehn weitere Leute beschäftigen. Es sind diverse Erweiterungen des Funktionsumfangs in Planung, Aktionen mit unseren Partner und vieles mehr. Details kann ich an dieser Stelle natürlich noch nicht verraten.

Onpulson: Abschließend möchten wir Sie noch bitten, eine kurze Einschätzung zu den wirtschaftlichen Zukunftsaussichten der folgenden Internetunternehmen zu geben:

Chris Börgermann:

facebook/VZ-Netzwerke: facebook ist toll. Durch die umfangreiche API ergibt sich eine strategisch wichtige Erweiterbarkeit der Plattform, mit welcher die VZ-Netzwerke nicht mithalten können. Zwar wurden diese mittlerweile ebenfalls für OpenSocial Applikationen geöffnet, doch ist zu befürchten, dass diese Entwicklung zu spät kam. Langfristig wird facebook den Markt klar dominieren und sicherlich einen Großteil der Konkurrenz komplett verdrängen.

eBay

Habe ich früher selbst gern genutzt, allerdings stört mich die Entwicklung hin zu einem Sammelbecken von Händlern. Das kann der Amazon Marketplace besser. Außerdem hat eBay durch die zahlreichen Negativmeldungen der letzten Zeit, über Betrüger, die dort ihr Unwesen treiben, viel an Vertrauen eingebüßt. Ich kann schwer einschätzen wie es dort weitergeht, würde mir aber wünschen dass eBay sich wieder auf die ursprüngliche Geschäftsidee konzentriert, denn es ist nach wie vor eine tolle Sache.

Twitter: Für mich die Reinkarnation des Chats. Besonders faszinierend war, dass die Gründer ein 700 Mio. USD Kaufangebot ablehnten, mit der Begründung, dass man zwar nicht wisse, wie man derzeit Geld verdienen könnte, aber die Plattform dennoch mehr wert sei. Ich bin sehr gespannt was daraus wird, denke aber Twitter steht gerade erst am Anfang. Dass große Suchmaschinen Twitter mittlerweile zur Verbesserung ihrer Suchergebnisse nutzen, zeigt jedenfalls das enorme Potential.

Yahoo: Yahoo wird irgendwann mit Microsoft zu Binghoo fusionieren müssen. Kurz gefasst: Wenn ein Unternehmen es schaffen will, Google ernsthafte Konkurrenz zu machen, dann kann dies derzeit nur ein Zusammenschluss von Bing und Yahoo. Und dies wäre wünschenswert, denn ein Monopol, vor allem im Informationsbereich, ist niemals eine gute Sache. Auch wenn es die Suchmaschinenoptimierung einfacher macht, wenn man sich nur an Google orientieren muss, so belebt doch Konkurrenz das Geschäft.


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