Marketing & Vertrieb

Berater, Verkäufer, Detektiv: Metaphern für stigmatisierte Berufe

Um zu prüfen, wie Mitarbeiter ihre unbeliebten Rollen legitimieren, ist die Doktorandin Madeleine McKechnie 14 Monate lang für Forschungszwecke tief eingetaucht in die Unternehmenskultur eines großen Inkasso-Büros. Dabei hat sie herausgefunden, dass die Angehörigen dieser Berufsgruppe mit einer von drei Metaphern versuchten, ihr Tun zu rechtfertigen, um vor sich selbst und anderen in einem positiveren Licht dazustehen.

„Die Forschung hat gezeigt, dass Inkasso-Unternehmen gemeinhin als moralisch und sozial verdorben betrachtet werden und ich habe beobachtet, dass sich die Inkasso-Büros selbst dieses schlechten Images durchaus bewusst sind“, betont McKechnie. So hat die Forscherin Mitarbeiter gefunden, die ihren Job vorsichtshalber als „Detektivarbeit“ beschrieben oder sich selbst als „Kaufleute“ oder „Finanzberater“ betitelten, um die Brandmarkung, ein Geldeintreiber zu sein, zu umgehen.

McKechnie fand heraus, dass die Mitarbeiter des Inkasso-Büros bei der Definition ihrer Tätigkeit immer auch die Bedeutung, die ihrer Rolle außerhalb ihres Berufsfelds zukommt, berücksichtigen. Und dies geht sogar so weit, dass einige Befragte ihren Beruf verleugnen: „Was ich tue, ist nicht Inkasso-Arbeit. Inkasso-Arbeit bedeutet Zwangsvollstreckung, in die Häuser von Leuten gehen und Dinge pfänden.“

Berater, Verkäufer, Detektiv – verschiedene Identitäten für denselben Beruf

Besonders viele der befragten Angestellten identifizieren sich mit der „Detektiv-Methapher“. Ihre eigentliche Rolle sehen sie darin, Leute ausfindig zu machen, deren finanzielle Situation zu untersuchen und sie anschließend dazu zu bewegen, an ihrer Situation etwas zu verändern sowie Verantwortung für ihre Verschuldung zu übernehmen.

„Die „Verkäufer“ hingegen verstanden ihre Aufgabe offenbar weniger darin, möglichst viele Informationen über Personen zu recherchieren. Viel mehr schienen sie den Schwerpunkt ihrer Arbeit darin zu sehen, die Leute mit viel Verhandlungsgespür und Überzeugungskraft zur Zahlung zu bewegen“, so McKechnie.

Ein deutlich geringerer, aber dennoch nennenswerter Anteil der Befragten verwendete die „Berater-Metapher“. Die „Berater“ stellten in der Beschreibung ihrer Rolle vor allem das Ziel in den Vordergrund, Menschen zu rehabilitieren, ihnen beizubringen, ihre Schulden zu verwalten und ihnen damit letztlich zu einem normalen und sorgenfreieren Leben zu verhelfen.

McKechnie selbst war sehr überrascht über ihre Studienergebnisse, die sowohl auf Beobachtungen und Interviews, als auch auf der Überprüfung von Dokumenten gründen. Sie hatte erwartet, dass Menschen die Wichtigkeit ihrer Rolle eher durch deren breite gesellschaftliche Bedeutung unterstreichen würden: „Ich hatte viel stärker eine Rechtfertigung im Sinne von ‚Wenn mehr Menschen ihre Schulden bezahlt hätten, würden wir heute nicht in einer globalen Finanzkrise stecken’ erwartet.“ Im Ansatz gab es diese Art von Rechtfertigung – allerdings nicht sehr ausgeprägt.

Die eigene Tätigkeit kreativ neu definieren und sich wohler fühlen

Die Forschungsergebnisse zeigen insgesamt, dass diese Art von Neudefinierung der eigenen Tätigkeit den Befragten hilft, sich besser mit ihrer Arbeit zu fühlen. Dies führe unweigerlich zu einem verstärkten Karriere-Engagement und wirke den Stigmata entgegen, mit denen der Berufsstand seit jeher behaftet ist, so die Forscherin.

Es gibt immer wieder Phasen, in denen ein Unternehmen oder eine bestimmte Berufsgruppe in Verruf gerät. Zurzeit würden Banken überall sehr gehasst, die BP leide unter der Ölpest und Betriebsräte stünden sowieso sehr häufig in einem schlechten Licht, betont McKechnie. Die Möglichkeit, kreativ die eigene berufliche Rolle außerhalb des Berufsumfelds zu beschreiben und sie neu zu definieren, kann helfen, sich selbst und anderen – nicht selten mit einem Gefühl von Stolz – den Sinn der eigenen Arbeit verständlich zu machen.

„Es gibt nicht viel Forschungsarbeit, die sich mit diesen eher unattraktiven Berufsbildern befasst. Und doch sind diese Berufe immens wichtig und notwendig für eine funktionierende Gesellschaft. Ich hoffe, meine Studie trägt dazu bei, dass Menschen aus stigmatisierten Berufsgruppen ein positiveres Gefühl in ihrer Tätigkeit haben.“ Außerdem glaubt Frau McKechnie fest daran, mit ihren Erkenntnissen Unternehmensleitungen zu mehr Feingespür im Umgang mit Angestellten in stigmatisierten Tätigkeitsbereichen zu verhelfen.


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