Wirtschaft & Politik

Die Einstellung zum Auto hat sich in Zeiten des Klimawandels geändert

Basis sind 60 Tiefeninterviews zur E-Mobilität sowie langjährige Erfahrungen im nationalen und internationalen Automarkt. Die erstaunlich hohe Zustimmung zum Elektroauto (in Umfragen rund 60%) lässt den kommenden Wandel als leicht und problemlos erscheinen. Diese Zahlen gehen aber an der Wirklichkeit vorbei, da für die Fahrer tiefgehende Veränderungen anstehen. Sinnliche Qualitäten des Autos gehen verloren, eingespielte Nutzungsformen und Gewohnheiten kommen aus der Bahn, die soziale Bedeutung des Autos für die Menschen wird in zehn Jahren eine grundlegend andere sein. Die Reichweiten-Diskussion bei Elektroautos lässt diese „Weltveränderung“ ahnen, deckt sie aber durch isolierte Kilometer-Berechnungen sogleich wieder zu.

In den letzten 100 Jahren war das Auto mehr als ein Fahrzeug – es war Symbol des kulturellen Fortschritts, Ausdruck persönlicher Freiheit und zunehmend ein Zuhause in unruhigen Zeiten. Seit der „Bankenkrise“ wankt der Fortschritts-Glaube, der Sprit wird knapp, der „Klimawandel“ beunruhigt. Die Folge ist, dass die Schattenseiten der Auto-Mobilität stärker bewusst werden – und die Industrie in ihre Autos „Lösungen“ für diese Probleme einbauen muss.

1. Versachlichung

Das Auto wird zum leidenschaftslosen Nutzobjekt, das wie die Straßenbahn den Transport von A nach B leistet. Car Sharing und Mobilitäts-Konzepte, die keinen Auto-Besitz mehr kennen, brauchen funktionale, sparsame Fahrzeuge wie der ÖPNV. Das heutige Auto steht für eine veraltete Technik, für die (riskante) Lebensweise der Väter und Großväter.

2. Objekte der Begierde

Die Gegenreaktion hält an der Auto-Leidenschaft fest, trotz des Image-Verlustes. Im momentanen Aufschwung ist diese Richtung deutlich zu erkennen: Aktuelle Auto-Messen zeigen, dass die „Auto-Erotik“ entgegen dem common sense noch keineswegs gestorben ist.

3. Kompromisse

Die derzeit größte Gruppe der Konsumenten sucht nach Kompromiss-Lösungen: Wie kann man die Auto-Freuden erhalten unter den verschärften Bedingungen von Benzinknappheit, Klimawandel, schlechtem Gewissen? Nur ein Downgrading des Autos reicht da nicht, wie es massenweise anlässlich der Abwrackprämie praktiziert wurde. Konzepte wie der Mini haben es dagegen verstanden, alte Auto-Träume mit „verkleinerter Angriffsfläche“ wieder aufleben zu lassen. Auch der Elektro-Antrieb bietet keine „saubere“ Lösung, denn bereits heute ist den Konsumenten klar, dass Strom nicht einfach aus der Steckdose kommt. Zugeständnisse an die Realität endlicher Ressourcen sind also generell längerfristig unvermeidlich.

Beziehungskrise

Nicht nur steigende Benzinpreise, sondern einen weit reichenden Umschwung in die Zukunft hinein muss der Automarkt bewältigen. Wer seine Produkte auf die Grundlinien dieses kulturellen Umschwungs einstellt, hat künftig die Nase vorn. Die Chancen für neue Gesichter auf dem Markt waren nie so groß, die Risiken für erstarrte Hersteller wachsen im selben Maße. Auto-Marken sind jetzt aufgerufen, nicht bloß technische Probleme zu lösen. Von ihnen werden heute Antworten auf die drängenden Kultur-Fragen erwartet – neue automobile Welt-Entwürfe.


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