Karriere

Souverän zum Erfolg trotz Handicap

Im Golf ist das Handicap eine Kennzahl, die die ungefähre Spielstärke eines Golfers beschreibt. Ein anderes Handicap haben Menschen, die mit Behinderungen ihr tägliches Leben bewältigen müssen. Eine andere Form des Handicaps kennen wir wohl alle, wenn wir nicht erreichen, was wir uns vorgenommen haben. Das Handicap in unserem Kopf bremst uns manchmal ganz schön aus, hindert uns daran, glücklich oder erfolgreich zu sein. Einer, der ein offensichtliches Handicap zur Grundlage seines Erfolges gemacht hat, ist der Skirennläufer und Paralympics-Star Gerd Schönfelder aus Kulmain. Der mehrfache Medaillengewinner beschreibt anhand seiner persönlichen Erlebnisse, wie es ihm gelang, nach einem schweren Schicksalsschlag wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen, neue Perspektiven für sich zu entdecken und zielstrebig an der Verwirklichung der eigenen Vision zu arbeiten, souverän zu sein… bis zum Sieg, nicht nur über das eigene Handicap, nicht nur im Sport, sondern in seinem ganz normalen alltäglichen Leben als Familienvater und Unternehmer, in dem er sich gerne immer wieder neuen Herausforderungen stellt.

Das Handicap im Kopf

Viele Menschen jagen vermeintlichen Idealen hinterher. Ob es die körperlichen Wunschmaße oder der übertriebene Perfektionismus ist – der Maßstab ist entscheidend, an dem wir uns und andere messen. Als Sportler weiß Gerd Schönfelder, dass Leistung an Perfektion grenzen kann und muss, will man Medaillen erringen. Menschen allerdings sollten nicht an derartigen Leistungsmaßstäben gemessen werden. Souveränität hat nichts mit Vollkommenheit zu tun. Und auch Entscheidungen lassen sich nicht immer mit einer 100%igen

Si­cherheit treffen. Gerd Schönfelder hat verstanden, dass Entscheidun­gen notwendig sind, souverän zu sein, um zu überleben und im Sport siegen zu kön­nen. Mit Dynamik und Optimismus verwirklicht er die Ziele, die er sich gesetzt hat. Und in der Beziehung ist er nicht bescheiden: Er will das Beste erreichen und hat in der Vergangenheit oft genug bewiesen, was möglich ist – seine Leistungen grenzen an Perfektion. Wie wir auf der einen Seite das Optimale aus unseren Möglichkeiten herausholen, auf der anderen Seite aber auch souverän mit unserem Handicap – körperlich oder mental – umgehen, zeigen nachfolgende fünf Tipps:

1. …mach was draus!

Nicht immer haben wir im Leben ideale Voraussetzungen, trotzdem sollten wir lernen, souverän zu sein. Gerd Schönfelder ist das beste Beispiel dafür, dass es sich trotzdem oder gerade deswegen immer lohnt, das Beste aus der jeweiligen Situation zu machen und souverän zu bleiben. Andere hätten nach dem Verlust eines Armes, nach zahlreichen Operationen und Reha-Maßnahmen innerlich vielleicht aufgegeben. Gerd Schönfelder ist nach seinem Unfall schnell davon überzeugt, trotz Handicap etwas Herausragendes leisten zu können. Da der Abschluss seiner Ausbildung zum Energieanlagenelektroniker aussichtslos geworden war, entscheidet er sich, zum Elektrotechniker in der Datenverarbeitung umzuschulen. Und er beschließt, verschiedene Sportarten zu trainieren – zäh und beständig bleibt er dabei am Ball, weil er erkennt, dass der Sport ihm hilft, ins normale Leben zurückzufinden. Er hat es der Welt und sich selbst bewiesen, hat Verantwortung für sich und sein Leben übernommen. Statt zu jammern und zu schimpfen, was er als reine Energieverschwendung betrachtet, hat Gerd Schönfelder die persönliche Krise als Chance erkannt und hart an sich gearbeitet. Er hat seine persönlichen Talente entdeckt, sich auf seine Fähigkeiten konzentriert und war sich von Anfang an, auch mit Handicap sicher: „Ich kann (auch) etwas!“ Das aus den ersten Erfolgen erwachsene Selbstbewusstsein und die Anerkennung aus dem Team, oft übrigens wertvoller als das größte Lob vom Trainer, gaben ihm die Kraft, das Beste aus sich und seinen Möglichkeiten zu machen und souverän zu sein.

2. …setz es Dir in den Kopf!

Trotz einzigartigem Erfolg im alpinen Skisport, mag Gerd Schönfelder sich nicht zurücklehnen. Siegen kann nur, wer sich immer wieder neue Ziele setzt und Visionen entwickelt, die ihn antreiben und zum Weitermachen motivieren. Ob im Sport oder Business: Visualisieren bringt Sicherheit. Sich etwas in den Kopf zu setzen bedeutet, an die eigenen Fähigkeiten zu glauben, zu vertrauen, dass wir etwas tatsächlich schaffen können. Im Rennen war es für Gerd Schönfelder enorm wichtig, nicht nur auf das nächste, sondern schon auf das übernächste Tor vorauszuschauen, die Abfahrt vor seinem geistigen Auge immer wieder durchzugehen. Manchmal lässt uns alleine unsere Willensstärke letztendlich alle Tore durchfahren und uns souverän zu unserem Ziel gelangen.

3. …lass Dich nicht aus der Bahn werfen!

Living on the edge bedeutet für Gerd Schönfelder, am Limit zu fahren. Nur auf der Skikante lassen sich Kurven eng genug nehmen. Die Kante steht parallel dazu – auch für das eigene unverkennbare Profil sowie die Verantwortung für das eigene Leben und die Familie. Souveräne Menschen erkennen, wo ihre Grenzen sind – sie sind jedoch immer dazu bereit, diese Grenzen einmal anzutesten, ein überschaubares Risiko einzugehen. Sie agieren statt zu reagieren, bestimmen den Weg und lassen sich nicht so schnell aus der Bahn werfen. Bei aller Konzentration auf das Ziel und dem Willen, den grundsätzlichen Weg nicht zu verlassen, bleiben souveräne Menschen flexibel genug, um schnell auf andere Bedingungen eingehen zu können.

4. …nimm Dich selbst nicht so wichtig!

Gerd Schönfelder könnte sich etwas auf seine Leistungen einbilden, immerhin hat er nicht nur unzählige Medaillen errungen, sondern auch die Medien und Regierung haben ihn mit Auszeichnungen überschüttet. Der Spitzensportler hätte Grund genug, abgehoben zu sein. Tut er aber nicht. Er hat sich seine Bodenständigkeit erhalten. Sein wertschätzender Umgang mir anderen Menschen und sein Ein­satz für andere kommt von Herzen. Jeder von uns ist genau genommen ein Sieger! Bereits bei der Zeugung haben wir schließlich alle unser erstes „Wettrennen“ gewonnen. Betrachtet man die Welt einmal vom All aus, wird sehr schnell deutlich, dass jeder einzelne von uns nur ein „kleines Licht“ ist. Umso wichtiger ist es, dass wir erkennen: Nur miteinander können wir etwas bewegen. Dieser Team-Gedanke zählt gerade im Sport – selbst dann, wenn es sich nicht um eine typische Mannschaftssportart wie Fußball oder Handball handelt. Ob Trainer, Service-Leute und vor allem auch die Kollegen: Gerd Schönfelder weiß, dass sich Erfolg hochschaukelt und der Kern der Souveränität dann lebendig wird, wenn kein Platz für Neid ist, sondern die gegenseitige Unterstützung und Sicherheit im Team den Einzelnen zu ungeahnten Möglichkeiten beflügelt.

5. …sei respektvoll, feinfühlig und fair!

Sich selbst hat Gerd Schönfelder immer sehr viel, häufig sogar alles, abverlangt. Anderen gegenüber ist er da feinfühliger. Sehr respektvoll setzt er sich voll und ganz für Menschen mit Handicaps ein. Die Akzeptanz anderer Menschen, ob mit oder ohne Handicap, ist ein entscheidender Souveränitäts- und Erfolgsfaktor. Wird jeder Mensch in seiner ganz eigenen Art respektiert und leben wir im Miteinander nach fairen Regeln, können wir mehr bewegen. Ähnlich wie beim Skifahren: Hier muss der Schuh passen, damit eine Führung des Skis über die Bindung möglich ist. Ob Führungskräfte bei Mitarbeitern, Lehrer bei Schülern oder Eltern bei ihren Kindern: Respekt und Akzeptanz sind wesentliche Faktoren in der Begleitung von Menschen. Fairness ermöglicht uns einen natürlichen Umgang mit jeder Art von Handicap. Respekt und Feinfühligkeit helfen uns dabei, eng am Ball zu bleiben und ein natürliches Gespür dafür zu entwickeln, ob Hilfe benötigt wird oder wir gerade durch unser Nichteingreifen dem Anderen helfen, souverän zu sein und zu bleiben.


Theo Bergauer

Über den Autor Theo Bergauer

Theo Bergauer ist seit 20 Jahren als Trainer und Coach für persönliche Entwicklung und unternehmerische Prozesse aktiv. Namhafte Stars aus dem Sport sowie international tätige Unternehmen setzen auf seine persönliche Dynamik, sein Erfahrungspotenzial und die Schulungskraft des Bau- und Wirtschaftsingenieurs.

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