Wie künstliche Intelligenz Führung und Management neu definiert
KI als Verstärker

Wie künstliche Intelligenz Führung und Management neu definiert

Porträtfoto von Hagen Schönfeld, Gründer und Geschäftsführer von Masterpiece
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Eine mittelständische Produktionsfirma im Rheinland führt ein KI-gestütztes Planungstool ein und es sind nicht nur die Mitarbeitenden, die sich verunsichert zeigen. Auch beginnen Führungskräfte sich zu fragen: „Was bleibt eigentlich noch von meiner Rolle übrig, wenn clevere Tools zunehmend meine Aufgaben übernehmen?“ Vor allem im mittleren Management tauchen solche Fragen häufiger auf. Was aber heißt das konkret?

Kein Wunder: KI sortiert Daten, erstellt Berichte, schlägt Maßnahmen vor, trifft präzise Vorhersagen und übernimmt damit zunehmend Aufgaben, die als unverzichtbare Managementdisziplin galten. Aber kann die KI deshalb Führung?

Das „Great Flattening“: Warum Managementebenen unter Druck geraten

KI ist längst zum strukturellen Treiber für organisatorische Veränderungen avanciert – und das auch weit in die Führungsetagen hinein. Besonders betroffen? Das mittlere Management mit seinen hauptsächlich administrativen Tasks. Egal ob im Reporting oder bei der Ressourcenplanung, als Werkzeug hilft die KI massiv dabei, Prozesse zu vereinfachen. Beispiele aus Fortune-500-Unternehmen wie Amazon oder Moderna zeigen dabei, wohin die Reise auch hierzulande gehen kann: Sie erleben, was Experten „Great Flattening“ nennen – das heißt weniger Managementebenen, größere Verantwortungsbereiche pro Führungskraft und neue Mischformen aus menschlichen Teams und KI-Agenten.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Wie der IAB-Futuromat zeigt, lassen sich rund 67 Prozent der klassischen Managementaufgaben automatisieren. Das gilt besonders für das mittlere Management, wo Reiseanträge, Kostenkontrolle und Reporting dominieren. Wer sich daher bislang rein mit Organisation und Administration befasst hat, kann davon ausgehen, künftig andere Aufgaben zu übernehmen. Dabei stehen dann auch nicht mehr allein Output-Metriken im Vordergrund, anhand derer Leistung gemessen wird. Vielmehr geht es künftig um die Qualität der Entscheidungen – und die ist eine Frage von Bewertung, Reflexion und Verantwortung.

Hinzu kommt, dass Top-Entscheider durch KI auch direkten Zugang zu Zahlen erhalten können, sodass deutlich weniger Zwischenebenen nötig sind, um Informationen zu sammeln, zu filtern und aufzubereiten. Entsprechend werden sich Abteilungen in manchen Bereichen halbieren, insbesondere wenn KI zum festen Teammitglied wird und komplexe Denkaufgaben vorbereitet.

Andere Teams und Abteilungen werden sich neu zusammensetzen. Unternehmen wie Amazon, Moderna oder McKinsey machen es vor, wenn sie Abteilungssilos auflösen und etwa HR mit der IT verbinden, Softwareteams durch kleine Einheiten ersetzen, die KI-Agenten orchestrieren, statt selbst zu programmieren. Die alte pyramidenförmige Ordnung reformiert sich hin zu einem Netzwerk aus Menschen und Maschinen.

KI-Kompetenz für Führungskräfte: Grenzen verstehen, Risiken einordnen

Führung muss sich daher hin zu einer hybriden Disziplin entwickeln. Anstatt zu verwalten, liegt der Fokus verstärkt darauf, das Unternehmen auch in unsicheren, technologisch dynamischen und komplexen Bedingungen handlungsfähig zu halten und weiterzuentwickeln. Dazu ist ein technisches Grundverständnis, unter anderem für mögliche KI-Anwendungsfelder, nötig. Das heißt, Führungskräfte sollten in der Lage sein, einzuordnen, was eine KI kann und was nicht. Dabei spielen etwa Aspekte wie Datenqualität, Bias-Risiken und Entscheidungslogiken eine zentrale Rolle.

Komplexe Zusammenhänge gilt es zu interpretieren, Unsicherheiten einzuordnen und Prioritäten zu setzen. Während eine KI möglicherweise Daten liefert, braucht es weiterhin menschliche Intelligenz, um diese zu beurteilen – nicht zuletzt auch, um die aktuell erschreckend hohe Fehlerquote von populären KI-Chatbots zu minimieren. Andernfalls bleiben die cleveren Tools in ihrer Anwendung weiterhin so ineffizient, wie im MIT-Report verdeutlicht, und produzieren einen sogenannten Workslop, der Projekte unnötig in die Länge zieht.

Führung als Enablement: Warum menschliche Skills wichtiger werden

Andererseits steigt der Wert von zutiefst menschlichen Skills, die keine noch so gute KI imitieren kann: Empathie, kritisches Denken, Kommunikationsstärke und die Fähigkeit, tragfähige Beziehungen aufzubauen. Damit rücken in den Führungsetagen andere Aufgaben in den Mittelpunkt – besonders in der Interaktion mit den Mitarbeitenden.

Es geht künftig für Führungskräfte zunehmend darum, Strukturen und psychologische Sicherheit zu schaffen, damit Beschäftigte Handlungsspielräume optimal nutzen können. Dabei rückt auch die soziale und kulturelle Dimension von Unternehmen stärker in den Vordergrund. Allen voran, wenn es darum geht, Vertrauen in die neuen Technologien zu schaffen, Lernprozesse im Alltag zu verankern und Zusammenarbeit – egal ob zwischen Mensch und Maschine oder zwischen unterschiedlichen Teams – zu ermöglichen.

Dabei wird Kompetenzentwicklung zur Daueraufgabe. Je stärker KI Systeme verändert, desto mehr muss Führung dafür Sorge tragen, Mitarbeitende zu befähigen, neue Technologien anzuwenden, Wissen auszutauschen und eigene Skills kontinuierlich zu optimieren. Up- und Reskilling werden somit zum strukturellen Bestandteil der Führungsrolle.

Fazit: KI entlastet – Leadership gewinnt an Bedeutung

KI nimmt Führungskräften viele administrativen Aufgaben ab, das heißt genau die Punkte auf der To-do-Liste, die Zeit fressen, aber nicht voranbringen. Was Leadership wirklich ausmacht, bleibt zutiefst menschlich: Zuhören, orientieren, entscheiden, Verantwortung tragen. Führungskräfte, die bereit sind, KI als Verstärker zu nutzen, stehen nicht vor dem Ende ihrer Rolle, sondern vor einer Chance. Sie bekommen mehr Raum für das, was Menschen besser können als jede Maschine – Zukunft gestalten.

  1. How the „Great Flatening Trend“ could affect your work place. Forbes. Brian Robinson Ph.D. 24.1.2025.
  2. Leadership as the enabler of strategizing and organizing. ScienceDirect. Ian D. Colville, Anthony J. Murphy, December 2006.

Bildnachweis: Depositphotos.com/AlienCat

Über den Autor

Porträtfoto von Hagen Schönfeld, Gründer und Geschäftsführer von Masterpiece

Hagen Schönfeld Hagen Schönfeld ist Gründer und Geschäftsführer der Masterpiece GmbH. Mit mehr als 20 Jahren Erfahrung im Executive Search gehört er zu den profilierten Köpfen der Branche im deutschsprachigen Raum. Seine Schwerpunkte liegen im industriellen Umfeld, mit Fokus auf technologische Innovation, Unternehmertum, Fertigungslösungen und Transformation im Lösungsgeschäft. masterpiece-advisors.de
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