Mentaltrainer Michael von Kunhardt

„Aus einer Niederlage im Unternehmen kann ein wirtschaftlicher Gewinn entstehen“

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Was können Führungskräfte vom Spitzensport lernen – und warum ist Resilienz ein messbarer Wirtschaftsfaktor? Dies erklärt Mentaltrainer und ehemaliger Spitzensportler Michael von Kunhardt im Onpulson-Interview. Er zeigt, wie echte Siegermentalität entsteht, warum Mut und Misserfolgstoleranz zentrale Führungsqualitäten sind und welche Prinzipien aus Drucksituationen im Leistungssport sich auf das Management übertragen lassen.

Michael von Kunhardt ist Mental Coach und Experte für Spitzenleistungen. Foto: Rebecca Hammer

Onpulson: Herr von Kunhardt, Sie sind Experte für Spitzenleistungen, wie man Ihrer Website vonkunhardt.de entnehmen kann. „Mentale Resilienz“ ist heutzutage fast ein Buzzword – was meinen Sie damit konkret im Unternehmenskontext, und woran erkennt man echte Siegermentalität bei Führungskräften (jenseits von Selbstoptimierungs-Floskeln)?

Michael von Kunhardt: Ein anderes Wort für Resilienz ist Widerstandsfähigkeit, im Idealfall durch geistige und körperliche Flexibilität. Das gilt auch für den Unternehmenskontext: Es bedeutet, bei Herausforderungen beweglich und robust zu sein. Echte Siegermentalität erkennt man vor allem daran, dass bei etwaigen Rückschlägen das Wiederaufrichten und vor allem das Lernen sehr, sehr schnell stattfindet.

Onpulson: Im Spitzensport gehört Druck zum Alltag. Welche Trainingsprinzipien aus dem Leistungssport lassen sich 1:1 auf Management-Situationen übertragen – etwa bei Zielkonflikten, Krisenkommunikation oder Entscheidungen mit unvollständigen Daten?

Michael von Kunhardt: Im Spitzensport trainieren wir sehr intensiv Entscheidungssituationen, zum Beispiel beim Tennis den entscheidenden Tie-Break oder den Matchball, beim Fußball den Elfmeter bei Unentschieden in der Nachspielzeit oder bei einem 100-Meter-Lauf den Start in einem großen Finale. Das sind alles im herkömmlichen Verständnis enorme Druck-Situationen.

In allen Fällen gilt es Unsicherheit anzunehmen, im positiven Sinne auszuhalten und in diesem Zustand dennoch oder gerade deswegen die jeweils heute bestmögliche Leistung abzurufen. Das hat viel mit Spannungsregulierung und Fokus zu tun. Es gibt Sportler:innen, die genau dann am besten performen. Sie lieben diese Situationen. Boris Becker war früher so eine Person auf dem Tennisplatz, Kylian Mbappé ist es heute auf der großen Fußball-Bühne.

Zielkonflikte sind im Spitzensport unbedingt so schnell wie möglich zu lösen, sonst kann zum Beispiel ein Team unmöglich erfolgreich sein. Sportteams sind nur dann wirklich siegreich, wenn das gemeinschaftliche Verständnis besteht, gemeinsam in derselben, richtigen Richtung unterwegs zu sein.

Eine gute Krisenkommunikation in Betrieben hat viel mit Deutlichkeit, Klarheit sowie mit einer erwachsenen Feedback- und Lösungskultur zu tun. Negative Beweisführung hilft nur dann, wenn in dem Zusammenhang unmittelbar ein besserer Weg vorgeschlagen wird.

Mut für neue Geschäfte ist wichtig

Im Spitzensport trainieren wir bewusst stets Situationen, die außerhalb des sogenannten Flow-Kanals liegen. Das bedeutet, die Herausforderung ist höher als die Leistungsfähigkeit und die Kompetenz. Den Sportler:innen bleibt überhaupt nichts anderes übrig, als dennoch weiterzugehen und in sich und den Prozess zu vertrauen. Wird es immer gelingen? Nein! Jedoch häufig und vor allem öfter, als wenn man erst gar nicht losgeht. Durch das mutige „Sichstellen“ entwickeln Sportler sich weiter, das erhöht ihre Kompetenz und verstärkt ihre Robustheit. Im Unternehmenskontext gelten aus mentaler Sicht die gleichen Prinzipien – Mut und Anspruch sind dabei unverzichtbar.

Onpulson: Sie sagen: Mentale Stärke ist kein Soft Skill, sondern ein wirtschaftlicher Faktor. Welche drei Effekte sehen Sie am häufigsten in Unternehmen?

Michael von Kunhardt: Der erste Punkt im Management ist die Fähigkeit, mit Rückschlägen effektiv umzugehen, aus ihnen zu lernen und das eben „Verlorene“ oder „Misslungene“ zeitnah zu kompensieren. Dann kann aus einem Dämpfer oder einer Niederlage in einem Unternehmen sowohl ein atomsphärischer als auch ein wirtschaftlicher Gewinn entstehen. Um im Business voranzukommen, benötigt es daneben vor allem Mut. Mut für neue Geschäfte, für Entwicklungen und für Veränderungen. Das heißt, es ist ein Wandel erforderlich, weg vom passiven Reagieren hin zum mutigen und selbstwirksamen Agieren. Wer diese Kompetenz mitbringt, kann Regeln mitbestimmen und gestalten.

Und als letzten wichtigen Punkt möchte ich Selbstvertrauen und innere Robustheit anführen. Teamresilienz trägt dazu bei, den Fokus zu halten, Projekte durch die Tür zu bringen und Ziele zu übertreffen. Während Selbstvertrauen, als wichtigstes Kriterium der mentalen Stärke, dabei hilft, eine Orientierung vorzugeben und Sogwirkung zu erzielen. Man dockt sich an!

Onpulson: Wie würden Sie „mentale Leistungsfähigkeit“ in der Praxis messbar machen (z. B. über Entscheidungsqualität, Fehlerquote, Teamstabilität)?

Michael von Kunhardt: Mentale Leistungsfähigkeit ist ein komplexes Konstrukt. Daher erfordert es einen mehrdimensionalen Ansatz über beobachtbare Indikatoren und Kennzahlen, der individuelle, teambezogene und organisationale Ebenen kombiniert. In der Praxis werden diese Aspekte im Unternehmen meist über eine Kombination aus Leistungskennzahlen, Beobachtungen durch Führungskräfte und systematischer Selbsteinschätzung erfasst.

Dies funktioniert vor allem über entsprechende Fragebögen, die man in Bezug auf diese Aspekte erstellen und nutzen kann, etwa zu Entscheidungsqualität, Arbeitsbelastung, Konzentration, Teamklima oder psychologischer Sicherheit. Mentale Leistungsfähigkeit zeigt sich letztlich daran, ob Mitarbeitende und Teams über längere Zeit hinweg qualitativ hochwertig arbeiten können, ohne dass Leistungsfähigkeit, Zusammenarbeit oder Gesundheit nachhaltig beeinträchtigt werden.

Bereitschaft zu Scheitern sollte vorhanden sein

Onpulson: Rückschläge sind im Sport normal, im Business werden sie oft „wegmoderiert“. Wie trainiert man den konstruktiven Umgang mit Niederlagen, ohne ins Schönreden zu verfallen – und welche Routinen helfen, nach kritischen Momenten schnell wieder klar zu führen?

Michael von Kunhardt: Das Wichtigste ist das Implementieren einer professionellen Misserfolgstoleranz. Das heißt die Bereitschaft zu scheitern, das Beste dabei zu geben und bei einem Rückschlag nicht in die Opferrolle zu verfallen, sondern selbstverantwortlich weiterzumachen. Im Sport ist das völlig normal. Im Business hat man jedoch mit vielen Akteuren zu tun, die überhaupt keine Wettkämpfe mögen, weil sie es nicht geübt haben, zu verlieren. Sie weichen den Entscheidungs-, Verantwortungs- und Bewertungssituationen lieber aus.

Und dann, um ihnen nicht „aufs Füßchen“ zu treten, werden diese Personen in Watte gepackt, weil man ihnen ja keinen Stress machen will. Das funktioniert aber nicht. Da wedelt der Schwanz mit dem Hund. Daher gilt es diesen Prozess umzudrehen. Das übliche Ziel eines jeden betriebswirtschaftlichen Unternehmens lautet Gewinnmaximierung. Die kapitalistische Marktwirtschaft ist ein Wettbewerbsfeld. Wer da teilnehmen, das heißt einen Job und Gehalt haben möchte, sollte das Sichstellen, Gewinnen, Verlieren und Wiederaufrichten unbedingt trainieren.

Onpulson: Wenn Sie einem Geschäftsführer oder einer Bereichsleiterin für 2026 ein kompaktes „Mental-Programm“ geben müssten: Welche 3 Übungen oder Mikrogewohnheiten würden Sie empfehlen, um Fokus unter Dauerstress zu halten, Prioritäten zu setzen und in Schlüsselmomenten handlungsfähig zu bleiben?

Michael von Kunhardt: Folgende drei Übungen könnten Ihnen helfen:
1. Werden Sie sich täglich bewusst, welche Ihrer für heute relevanten Tätigkeiten den größten Hebel haben. Schreiben Sie es auf, priorisieren Sie diese und fangen Sie sofort an!

2. Trainieren Sie ihre Robustheit und Spannungsregulierung. Je stressresistenter Sie sind, umso leichter fällt es, den Fokus zu halten. Das Nervensystem lässt sich ganz schnell durch eine 2- bis 3-minütige Atemtechnik wunderbar regulieren. So geht es: Ruhig hinsetzen oder hinlegen, Augen schließen, tief durch die Nase einatmen, Atem halten und durch den offenen Mund länger ausatmen als zuvor eingeatmet wurde, um Stress loszuwerden. Einige Sekunden Atempause, dann wieder tief einatmen. Durch die längeren Atemzyklen reduziert sich die Atemfrequenz von üblichen 10- bis 12-mal auf dann 5- bis 6-mal pro Minute. Es tritt sofort Entspannung ein. Der Geist wird klar. Das hilft, um im Fokus zu bleiben.

3. Wenn das Ziel klar ist, sollten alle anderen Dinge, die nicht in diesem Fokus liegen, kontinuierlich ausgeklammert werden. Hier hilft es, sich zu fragen: Was brauche ich nicht mehr, was verhilft mir zu mehr Klarheit, zu mehr Leichtigkeit, zu einer besseren Sicht?

Bildnachweis: istockphoto.com/AnaMOMarques

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