Studie: Europas Wettbewerbsfähigkeit zeigt erste Anzeichen einer Trendwende
Erholungstendenzen

Studie: Europas Wettbewerbsfähigkeit zeigt erste Anzeichen einer Trendwende

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Nach Jahren des Rückgangs deutet sich bei Europas Wettbewerbsfähigkeit eine leichte Erholung an. Mehrere zentrale Zukunftsfaktoren entwickeln sich erstmals wieder positiv, auch wenn strukturelle Defizite fortbestehen und der Abstand zu anderen Weltregionen weiterhin groß bleibt.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Fünf von sechs Teilindizes des European Future Readiness Index liegen wieder über dem Langzeitmittel
  • Positive Trends bei Humankapital, Nachhaltigkeit, Resilienz und Infrastruktur
  • Digitalisierung und Innovation bleiben Europas größte Schwachstelle

Nach Jahren struktureller Schwäche zeigt Europas Wettbewerbsfähigkeit erstmals wieder vorsichtige Erholungstendenzen. Das geht aus dem aktuellen European Future Readiness Index hervor, der in Davos vorgestellt wurde. Die Untersuchung analysiert die Entwicklung der wettbewerblichen Rahmenbedingungen in den EU-Staaten sowie in Norwegen, der Schweiz und Großbritannien über einen Zeitraum von 20 Jahren.

Erstellt wurde der Index von der Unternehmensberatung Roland Berger. Er basiert auf sechs Teilindizes – Humankapital, Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Innovation, Resilienz, Infrastruktur sowie Institutionen – in die insgesamt 24 Kennzahlen einfließen. Nach den jüngsten verfügbaren Daten überschreiten fünf dieser sechs Bereiche erstmals wieder ihren jeweiligen langjährigen Mittelwert.

„Europa verfügt über die wirtschaftliche Größe, die industrielle Basis und die institutionellen Kapazitäten, um seine Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen“, sagt Stefan Schaible, Global Managing Partner bei Roland Berger. „Unsere Analyse zeigt, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Kontinents über viele Jahre hinweg verschlechtert hat. Ermutigend ist jedoch, dass der Index jetzt wieder deutlich über seinem Langzeitverlauf liegt, wenn auch auf absolut zu niedrigem Niveau. Europa muss sich aber weiter massiv anstrengen.“

Fortschritte bei Humankapital, Resilienz und Infrastruktur

Besonders deutlich fällt die Entwicklung beim Humankapital aus. Seit 2018 verzeichnet dieser Teilindex einen klaren Aufwärtstrend, der vor allem auf steigende öffentliche Bildungsausgaben zurückzuführen ist. Sichtbar wird dies unter anderem in einer stärkeren Einbindung von Frauen in Führungsgremien sowie in einer wachsenden Zahl von Hochschulabsolvent:innen.

Auch im Bereich Nachhaltigkeit hat sich die Dynamik gedreht. Nachdem der Index zwischen 2014 und 2021 rückläufig war, zeigt er seither wieder nach oben. Parallel dazu verbessert sich die Resilienz: Seit 2020 stärken höhere Verteidigungsausgaben und eine sinkende Verschuldung der Unternehmen die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit Europas.

Der Infrastrukturindex, der in den Vorjahren vor allem durch stark gestiegene Energiepreise belastet wurde, weist für 2024 ebenfalls eine leichte Erholung aus. Insgesamt deutet sich damit in mehreren grundlegenden Zukunftsfeldern eine Stabilisierung an.

Digitalisierung und Institutionen als Bremsklötze

Trotz der positiven Signale bleiben zentrale Schwächen bestehen. Besonders kritisch ist der Bereich Digitalisierung und Innovation. Seit 2021 befindet sich dieser Teilindex im Abwärtstrend, mit lediglich einer leichten Erholung im Jahr 2024 – und das auf niedrigem Niveau. Vor allem bei Künstlicher Intelligenz, Digitalisierung und Patenten droht Europa weiter hinter die USA und China zurückzufallen.

Auch die institutionellen Rahmenbedingungen geben Anlass zur Sorge. Nachdem dieser Teilindex 2006 noch auf einem hohen Niveau lag, brach er infolge der globalen Finanzkrise ein und verschlechterte sich seit 2018 weiter. Als Hauptursachen gelten steigende Staatsschulden sowie eine zunehmende regulatorische Komplexität.

„Europas Wettbewerbsfähigkeit steht trotz der jüngsten positiven Signale noch immer unter erheblichem Druck. Die Herausforderungen sind jedoch überwindbar, wenn wir jetzt entschlossen und koordiniert handeln. Ein klarer Fokus muss auf der Künstlichen Intelligenz liegen, wo wir bei der Nutzung von Unternehmensdaten eine große Chance haben. Diese gilt es zu nutzen“, so Schaible.

Vier Handlungsfelder für eine nachhaltige Trendwende

Um die beginnende Erholung zu verstetigen, identifizieren die Studienautoren vier zentrale Ansatzpunkte. Erstens gilt es, regulatorische Komplexität zu reduzieren, Genehmigungsprozesse zu beschleunigen und Zuständigkeiten zwischen EU- und nationaler Ebene klarer zu trennen. Dies soll Investitionen, Innovationen und Wachstum erleichtern.

Zweitens sehen die Experten erheblichen Handlungsbedarf beim Schließen von Innovationslücken. Dazu zählen eine schnellere Kommerzialisierung von Forschung, einfachere Finanzierungsstrukturen sowie bessere Rahmenbedingungen für Start-ups und Scale-ups.

Drittens wird die Vollendung der europäischen Kapitalmarktunion als Schlüssel betrachtet, um privates Kapital zu mobilisieren und den Zugang zu Wachstumskapital zu verbessern.

Viertens rückt die Nutzung industrieller Datenpools in den Fokus. Eine effektive Strukturierung und der gezielte Einsatz dieser Daten gelten als entscheidender Faktor, um KI-Innovationen voranzutreiben und Europas Wettbewerbsfähigkeit in einer zunehmend datengetriebenen Wirtschaft zu stärken.

Die vollständige Studie können Sie hier herunterladen

Bildnachweis: Depositphotos.com/human_306

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