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Singapur – was Sie über das Erfolgsmodell in Asien wissen sollten

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Singapur ist multikulturell und die Bevölkerung hat eine ausgeprägte Kulturkompetenz. Foto: ©leungchopan/Depositphotos.com

„Aber Singapur ist ja westlich!“. Diese Aussage kam erst vor einigen Wochen von einer Teilnehmerin in einem Asienseminar. „Kann man davon ausgehen, dass die restlichen asiatischen Länder auch so westlich wie Singapur werden?“, fragte ein Firmeneigentümer, der eine Vertriebsniederlassung vor Ort hat.

Beide Aussagen zeigen, dass diese Firmenvertreter Opfer der größten Gefahr in Singapur wurden: Sie sind in die Ähnlichkeitsfalle getappt.

Die Ähnlichkeitsfalle ist eine große Gefahr

Die Ähnlichkeitsfalle lauert in Singapur überall. Hochhäuser, saubere Straßen, westliche Luxusautos, englischsprechende Menschen, riesige Einkaufszentren und bei Bedarf westliches Essen: Schnell schließt man vom äußeren, westlichen Schein auf das Denken der Menschen. „Die sind ja schon ganz westlich“. Und das ist schließlich für viele Europäer und Amerikaner auch die einzig richtige und logische Konsequenz, wenn sich ein Land modernisiert. Man vergisst, dass auch die Singapurer unter ihrem westlichem Mantel nach wie asiatische Kleider tragen.

Singapur – ein einmaliges Erfolgsmodell

Nach der schmerzhaften Trennung von der Konföderation mit Malaysia im Jahre 1965 wurde am 9. August 1965 Singapur gegründet. Lee Kuan Yew, Premierminister von 1965 – 1990, schuf das Modell Singapur. „The little red spot“, wie man den kleinen Stadtstaat aufgrund seiner geografischen Lage oft nannte, verfügte über die denkbar schlechtesten Ausgangspositionen. Keine Bodenschätze, kein Wasser, nur begrenzten Raum, keinerlei Landwirtschaft oder Industrie. Es gab nur einen Rohstoff, wie Lee Kuan Yew immer wieder betonte: „The brain of my people“.

Singapur – The Lee Country

Lee Kuan Yew schuf, formte und prägte das Land. Danach fungierte er lange Jahre als Minister Mentor, als anerkannte und unumstrittene graue Eminenz. Er verstarb im März 2015 mit 91 Jahren. Sein Sohn Lee Hsien Loong ist seit 2004 Premierminister im „Lee Country“, wie Singapur auch wegen des starken Einflusses der Familie Lee genannt wird. Heute ist Singapur ein prosperierender Wirtschaftsraum aufgrund seines Hafens, als Finanzzentrum und als begehrter Standort für westliche Firmen, die mit Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen vor Ort sind. Die Anzahl der Millionäre in der Bevölkerung Singapurs übersteigt die Katars.

Einwohner als wichtigste Wirtschaftskraft

Das Wissen und die Arbeitskraft der Singapurer wurden von Lee Kuan Yew systematisch gefördert. Die Bevölkerung des Stadtstaats war und ist multikulturell. Die Mehrzahl der Einwohner (über 70%) sind (Auslands-)Chinesen, der Rest sind Malaien und Inder. Heute leben auch viele Menschen aus dem Westen in Singapur, das gezielt mit einer qualifizierten Zuwanderungspolitik seine Einwohnerzahl von derzeit 5.5 Millionen auf 6.5 Millionen erhöhen möchte. „All the best from all over the world to Singapore“.

Die Rolle der Auslandschinesen in Südostasien

Die Overseas Chinese Businessmen sind eine mächtige und einflussreiche Wirtschaftsgemeinde. Diese Chinesen verließen in den letzten 200 Jahren aus wirtschaftlicher Not ihr Land. Sie waren die ersten Wirtschaftsflüchtlinge Asiens.

In den südostasiatischen Ländern ist ihr Anteil an der Bevölkerung zwar gering. Aber sie beherrschen und kontrollieren die jeweiligen Volkswirtschaften. Waren zum Beispiel in Malaysia die erste Generation der chinesischen Zuwanderer Arbeiter in den Kautschukplantagen oder Zinnminen, so war die zweite Generation manchmal bereits Eigentümer. Die „Herren des Pazifik“ (Sterling Seagrave) sind darüber hinaus in einem dichten Netzwerk weltweit verknüpft.

Konfuzianismus – ein wirtschaftsfreundliches Wertesystem

Was ist der Grund für diesen wirtschaftlichen Erfolg? Er liegt sicher hauptsächlich im chinesischen Wertesystems des Konfuzianismus. Diese Alltagsethik sieht als wichtiges Ziel im Leben Reichtum und Erfolg anzustreben. Singapur bezeichnet man deshalb oft als Bilderbuch-Beispiel des Konfuzianismus: Diszipliniert, leistungsorientiert und pragmatisch. „Make money, la!“ ist ein Ausspruch, dem man deshalb oft begegnet.

Singapore – a fine city

„Fine“ in der Bedeutung von „Strafgebühren“ bezieht sich auf die rigiden Vorschriften hinsichtlich der Sicherung der öffentlichen Ordnung in Singapur. Die autoritäre Form der Demokratie wurde im Westen oft kritisiert. Aufgrund der gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen malaiischen und chinesischen Bevölkerungsteilen Anfang der 60er Jahre, verordnete Lee Kuan Yew einen konsequenten Kurs. Jeder, der den Frieden im Stadtstaat gefährdete oder gegen das öffentliche Wohl verstieß, musste mit drakonischen Strafen rechnen. Die Todesstrafe gibt es in Singapur noch heute ebenso wie Verurteilungen zu Stockhieben und ähnlicher Folter. „I want to guarantee peace between the races“, kommentierte Lee Kuan Yew die Kritik aus dem Westen. Nur so könne das wichtigste Lebensprinzip verwirklicht werden: „Make money!“

Asiatische Werte

Lee Kuan Yew fiel vor allem in den 90er Jahren dadurch auf, dass er als erster asiatischer Staatsmann von „asiatischen Werten“ sprach. Um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, müsse man nicht den politischen Systemen des Westens folgen. Er kritisierte die westlichen Staaten in Bezug auf ihren Umgang mit Drogenhändlern („Wir hängen sie auf, wenn sie auf unserem Staatsgebiet erwischt werden“) oder die USA aufgrund ihres Verhältnisses zum privaten Waffenbesitz. In einem seiner letzten Interviews mit dem „Spiegel“ warnte er vor der wirtschaftlichen Konkurrenz aus Asien. „Ihr habt uns nicht gerufen, aber wir sind da: Über 3 Milliarden erfolgshungrige Menschen!“

Konsequenzen für das Geschäftsleben

  • Die wichtigste Empfehlung: Tappen Sie nicht in die Ähnlichkeitsfalle! Modernisierung heißt nicht Verwestlichung im Denken! Bereiten Sie sich daher auch auf ihre singapurischen Geschäftspartner intensiv vor!
  • Ob chinesische, indische oder arabische Wurzeln: Die Einwohner sind zuallererst Singapurer und stolz auf ihren Stadtstaat. Es dient sicher der Entwicklung einer guten Geschäftsbeziehung, wenn Sie etwas über die Geschichte und die erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung wissen.
  • Die Gesellschaft in Singapur ist wirklich multikulturell: Konkret bedeutet dies, dass die Menschen frühzeitig Kulturkompetenz entwickeln können, da sie ständig mit unterschiedlichen Wertesystemen (Konfuzianismus, Hinduismus, Islam, Christentum) umgehen müssen. Deshalb stellen sie sich auch schnell und geschickt auf westliche Partner ein. Sie können in Verhandlungen sowohl auf der westlichen wie auch auf der asiatischen Klaviatur spielen und sind deshalb geschickte Gegner.
  • Die Beziehungen zwischen den Menschen sind immer strikt hierarchisch gegliedert: Den geschäftlichen Rang eines Partners sollte man auf der Visitenkarte erkennen. Denken Sie auch hier an eindeutige Aussagen (President, General Manager, Head of…). Unsere Funktionsbezeichnungen (Sales, Purchase etc.) sind hier nicht hilfreich.
  • Die Rechtssicherheit ist in Singapur hoch: Dennoch werden Geschäfte zwischen Menschen gemacht, das heißt eine gute Beziehung ist immer noch der beste Garant für die Lösung von Vertragsstörungen. Investieren Sie deshalb Zeit in den Aufbau von guten Beziehungen. Ein gutes Essen, ein gemeinsamer Barbesuch oder ein Golfspiel sind keine Zeitverschwendung.
  • Zeigen Sie Interesse am Privatleben Ihrer Partner: Unsere Angst, indiskret zu sein, wenn wir nach persönlichen Dingen fragen, werten Singapurer oft als Desinteresse. Über solche Themen erfahren Sie dann auch etwas über die familiäre Herkunft.
  • Wie in allen konfuzianischen Ländern (China, Japan, Südkorea) legt man in Singapur großen Wert auf die schulische Bildung: Erwarten Sie jedoch von ihren Mitarbeitern vor Ort nicht selbstverständlich Eigeninitiative und Selbstständigkeit. Dies wird weder in der familiären noch in der schulischen Erziehung gefördert. Ihre singapurischen Mitarbeiter schätzen Anleitung und Kontrolle.
  • Netzwerkeffekte nutzen: Haben Sie eine gute persönliche Beziehung zu Ihrem Geschäftspartner aufgebaut, können Sie eventuell sogar sein asienumspannendes Netzwerk nutzen. Er kann sie an seine Geschäftspartner zum Beispiel in Südostasien empfehlen, wenn sie in weiteren Ländern aktiv werden möchten.

Über den Autor Dr. Hanne Seelmann-Holzmann

Dr. Hanne Seelmann-Holzmann ist Expertin für interkulturelles Management in Asien. Seit 1994 berät sie deutsche und europäische Unternehmen in Fragen rund um das Asiengeschäft. www.seelmann-consultants.de

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