Unternehmensführung

Was können Unternehmen aus dem deutschen Scheitern bei der Fußball-WM lernen?

ArturVerkhovetskiy

Ähnliche Prozesse wie bei der Deutschen Nationalelf beobachtet man oft auch in Unternehmen, deren Teams in der Vergangenheit sehr erfolgreich waren. Sie sind überzeugt: „Auch künftig haben wir Erfolg – denn wir haben unser Können sowie unsere Leistungsfähigkeit und -bereitschaft schon oft bewiesen.“ Foto: ©ArturVerkhovetskiy/Depositphotos.com

Die Teilnahme an der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland war für die deutsche Mannschaft ein Flop. Zwar reiste sie als amtierender Weltmeister an und zählte deshalb zum Favoritenkreis, doch schon nach der Auftakt-Niederlage gegen Mexiko wurden erste Zweifel laut: „Ob die dieses Mal weit kommen?“. Denn in dem Spiel war bereits sichtbar: In der Mannschaft herrscht eine gewisse Lethargie.

Anders als bei den hungrigen Mexikanern sind bei den deutschen Spielern die Laufbereitschaft und Kampfeslust eher gering. Und im Team fehlen ein, zwei Spieler, die bei einer drohenden Niederlage das Heft des Handels in die Hand nehmen, die anderen mitreißen und das berühmte Blatt noch wenden. Solche Spieler fehlten auch im Spiel gegen Schweden. Dieses gewann das deutsche Team zwar in allerletzter Minute – doch nicht aufgrund eines kollektiven Aufbäumens, sondern eines Freistoß-Tors von Toni Kroos in der Nachspiel-Zeit, das heißt einer Einzelaktion.

Endgültig offenkundig wurden die Defizite im deutschen Team im letzten Gruppenspiel gegen die fußball-technisch eher limitierten Südkoreaner. In ihm fanden die Deutschen kein Mittel, um deren Bollwerk in der Verteidigung zu knacken, so dass die deutsche Mannschaft auch dieses Spiel verlor und als Gruppenletzter nach Hause reiste.

Welch‘ historische Schmach! War doch die deutsche Mannschaft zuletzt vor 40 Jahren, 1978 bei der WM in Argentinien, bereits in der Gruppenphase ausgeschieden. Und gar noch nie in der WM-Geschichte musste ein deutsches Team als Gruppenletzter vor Beginn der K.o.-Runde seine Koffer packen.

Was sind die Ursachen? Wer ist schuldig an der deutschen Misere bei der Fußball-Weltmeisterschaft?

Deshalb war beim Schlusspfiff gegen Südkorea schon klar: Nun beginnt eine aufgeregte Suche nach den Schuldigen. Endlos wird in der deutschen Medienlandschaft darüber debattiert werden: Was sind die Ursachen dieser Schmach? Und im Zentrum der Diskussion werden der Bundestrainer Jogi Löw und der Teammanager Oliver Bierhoff stehen, denn sie waren für die Kaderzusammenstellung, die Mannschaftsaufstellung und die Spieltaktik verantwortlich.

Was waren die Fehler vor und während der WM? Offen gesagt: Schwer zu sagen. Und wie bei so vielen Dingen im Leben gilt auch bezogen auf die Weltmeisterschaft: Im Nachhinein ist jeder schlauer. Trotzdem kann der misslungene Auftritt der deutschen Mannschaft in Russland als „Casestudy“ dafür dienen, worauf Unternehmen achten sollten, wenn sie möchten, dass sie beziehungsweise ihre Teams erfolgreich sind und bleiben, und welche Fallen es dabei zu umschiffen gilt.

Falle 1: Der Erfolg der Vergangenheit

Wie bereits geschrieben: Die deutsche Mannschaft reiste zur Fußball-Weltmeisterschaft als amtierender Weltmeister nach Russland. Entsprechend groß war offensichtlich die Zuversicht: Irgendwie werden wir das Kind schon schaukeln. Dass die Mannschaft Gruppenerster wird und mindestens das Viertelfinale erreicht, daran zweifelte eigentlich niemand – zumal diese sich erstmals in ihrer Geschichte mit einer blütenweißen Weste, das heißt zehn Siegen, für die WM qualifiziert hatte.

Dass sie danach in den Vorbereitungsspielen unmittelbar vor der WM gegen Österreich und Saudi-Arabien ein eher schlechtes Bild abgab, war für niemand ein Alarmsignal. Schließlich gab es solche Ausreden wie „Die Spieler sind müde von der anstrengenden Saison“. Zudem herrschte allgemein der Glaube: „Wir sind eine Turniermannschaft; wir werden uns, wenn es darauf ankommt, schon steigern.“

Ähnliche Prozesse beobachtet man oft auch in Unternehmen, deren Teams in der Vergangenheit sehr erfolgreich waren. Sie sind felsenfest überzeugt: „Auch künftig haben wir Erfolg – denn wir haben unser Können sowie unsere Leistungsfähigkeit und -bereitschaft schon oft bewiesen.“ Und bleibt die Performance unverhofft hinter den Erwartungen zurück? Dann gibt es viele Ausreden: „Der Markt war ungünstig“, „die Rahmenbedingungen stimmten nicht“, „…“. Auf alle Fälle werden die ersten Alarmsignale nicht als Anlass genutzt, das bisherige Vorgehen zu hinterfragen. Wach werden die Betroffenen und Verantwortlichen erst bei einer krachenden Niederlage: Zum Beispiel, wenn zwei, drei Schlüsselkunden zur Konkurrenz wechseln. Oder wenn ein neues Produkt nicht die Zulassung erhält. Dann fragen sich alle überrascht: „Wie konnte das geschehen, wir waren doch so gut unterwegs?“ Dabei wiesen im Vorfeld bereits viele Faktoren darauf hin: Es muss sich etwas ändern.

Falle 2: Grabenkämpfe zwischen Jung und Alt

Die deutsche Mannschaft gewann außer der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien, 2017 auch den Confed Cup in Russland – mit jungen Spielern wie Julian Draxler, der als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet wurde, sowie Timo Werner und Leon Goretzka, die die Torschützenkönige in dem Turnier waren. All diese jungen Spieler gehörten bei der WM 2014 noch nicht zum Kader. Und bei der WM 2018 kamen sie außer Timo Werner über die Rolle Ergänzungsspieler nicht hinaus. Und Leroy Sané, der zuvor in der englischen Premier-League als bester Nachwuchsspieler der Saison 2017/2018 ausgezeichnet worden war? Den nahm Jogi Löw erst gar nicht mit nach Russland.

Stattdessen setzte er auf die alten Haudegen der WM in Brasilien wie Mats Hummels, Jerome Boateng, Thomas Müller, Samy Khedira und Mesut Özil. Und dem Nationaltorhüter Manuel Neuer? Ihm gab er vor der WM sozusagen eine Einsatz-Garantie, obwohl er monatelang verletzt war und keine Spielpraxis hatte. Die beiden jüngeren Torhüter Marc-André ter Stegen und Kevin Trapp hingegen, die zuvor monatelang ihre gute Form in ihren Vereinen bewiesen hatten, schauten in die Röhre. Das sorgte, wenn man den Medien glaubt, dafür, dass sich im Kader zwei Fraktionen bildeten: hier die Jungen, dort die Alten. Denn die Jungen fragten sich zu Recht: Nach welchen Kriterien erfolgt hier die Auswahl und Aufstellung? Nach der aktuellen Leistungsfähigkeit und -bereitschaft oder nach den Verdiensten in der Vergangenheit?

Ähnliche Faktoren sorgen oft in Unternehmen für eine ungute Stimmung. Auch dort haben nicht selten alt-gediente Mitarbeiter, die ihren Leistungszenit bereits überschritten haben, Schlüsselpositionen inne und blockieren den Aufstieg und die Entfaltung der jungen, noch hungrigen Hoffnungsträger. Gerechtfertigt wird das Festhalten an den Alten mit deren Erfahrung. Dies wird von den Jungen so lange akzeptiert, wie diese im Alltag die Erfahrung sammeln: Die „Alten“ bringen noch eine Top-Leistung. Registrieren sie jedoch oder haben sie den Eindruck „In den zurückliegenden ein, zwei Jahren habe ich eine deutlich bessere Leistung erbracht (oder ich könnte diese erbringen, wenn ich nicht gebremst würde)“, dann opponieren sie (innerlich) gegen diese Rangordnung. Das heißt, ihre Motivation sinkt, da ihre Leistung in ihren Augen nicht angemessen gewürdigt wird, und es brechen mehr oder minder offen Grabenkämpfe aus, die die Gesamtperformance mindern.

Falle 3: Geringe Flexibilität

In allen drei Gruppenspielen der Fußball-Weltmeisterschaft war die deutsche Mannschaft insofern die dominierende Mannschaft, dass sie mehr Ballbesitz als ihre Gegner hatte. Die Ursache hierfür war, das von ihr weitgehend gepflegte Tiki-Tika- oder Kurzpass-Spiel, bei dem die angreifende Mannschaft den Ball (zuweilen gefühlt endlos) durch ihre Reihen zirkulieren lässt, mit dem Ziel,

  • den Gegner zu ermüden und
  • irgendwann in die durch die permanente Bewegung sich ergebenden Lücken in dessen Abwehr zu stoßen.

Das Problem bei dieser Spielweise ist: Die Spieler der angreifenden Mannschaft müssen sehr ballsicher sein, um Konterangriffe des Gegners zu vermeiden. Und: Steht die die angreifende Mannschaft unter einem hohen Druck, ein Tor zu erzielen – zum Beispiel weil sie wie das deutsche Team im Südkorea-Spiel gewinnen muss – dann ist diese Spielweise wenig zielführend. Denn dann werden die Spieler im Spielverlauf zunehmend nervös und die Abspielfehler häufen sich. Dann wäre eine andere Spielweise nötig.

Das war eigentlich in allen deutschen Spielen bei der Fußball-Weltmeisterschaft der Fall. Das Problem war nur: Hierfür fehlten im deutschen Kader die passenden Spieler. In ihm gab es zwar viele „Schönspieler“, die, wenn es läuft, brillieren, jedoch keine Kämpfer-Typen, die, sofern nötig, auch mal die Brechstange auspacken, um das Ziel zu erreichen.

Dem Phänomen, dass Teams zu eindimensional zusammengesetzt sind und deshalb nicht flexibel auf die jeweils aktuelle Situation reagieren können, begegnet man auch in Unternehmen oft – zum Beispiel in deren Vertrieb, weshalb dieser, bildhaft gesprochen, zwar bei Schönwetter glänzt, jedoch nicht an Regentagen. Entsprechendes gilt für die Führungsmannschaften von Unternehmen. Bestehen diese nur aus „Visionären“, dann haben sie vielleicht die innovativste Strategie. Damit diese jedoch die gewünschten Früchte trägt, braucht es auch Macher, die Vorhaben konsequent, notfalls auch gegen Widerstände umsetzen. Dies gilt es bei der Teamzusammenstellung auf allen Ebenen und in allen Bereichen zu beachten.

Falle 4: Einseitige Talentförderung

Eine Fußballmannschaft besteht aus drei Teilen: der Abwehr, dem Mittelfeld und dem Angriff. Welcher von diesen war bei der Fußball-Weltmeisterschaft der größte Versager? Die Abwehr? Nein! Die Mannen um Mats Hummels und Jerome Boateng taten ihr Bestes, um die aus Abspielfehlern im Mittelfeld resultierenden Konter der Gegner zu entschärfen. Sie wurden dabei von den Schönspielern im Mittelfeld um Samy Khedira jedoch kaum unterstützt. Deshalb war die Abwehr zuweilen schlicht überfordert.

Und Stürmer? Gab es die außer dem Ergänzungsspieler Mario Gomez im deutschen Spiel überhaupt? Eigentlich nicht! Stattdessen standen im Kader eine Überzahl von mehr oder minder offensiven Mittelfeldspielern. Ein Spieler hingegen wie ehemals Uwe Seeler, Gerd Müller, Horst Hrubesch oder Rudi Völler, der den Ball notfalls auch mal im Liegen mit dem Hintern ins Tor bugsiert, fehlte. Doch kann man dies Jogi Löw vorwerfen? Nein! Denn es gibt in ganz Deutschland seit Jahren keinen echten Vollblutstürmer, weshalb ja auch bei allen Bundesliga-Top-Mannschaften der Sturm fast ausschließlich aus Ausländern besteht.

Bei der WM 2014 in Brasilien gab es im Team zudem einen Spieler wie Bastian Schweinsteiger. Der spielte im Endspiel sogar mit einer zwischenzeitlich genähten Platzwunde am Kopf weiter und räumte alles aus dem Weg, was den deutschen Erfolg gefährdete. Und seine ermüdeten Mitspieler? Sie ließen sich von ihm mitreißen. Bastian Schweinsteiger war für mich damals der „Player of the Match“ und nicht der erst in der 88. Minute eingewechselte Schönspieler Mario Götze, der zufällig das Siegtor schoss. Ein solcher Spieler fehlte in Russland im deutschen Kader.

Doch kann man dies Jogi Löw vorwerfen? Erneut nein! Denn es ist kein deutscher Spieler bekannt, der diese vakante Rolle hätte übernehmen können. Doch daran ist nicht Jogi Löw schuld. Er kann als Nationaltrainer nur aus dem Pool der vorhandenen Spieler auswählen und versuchen daraus das Beste zu machen. Das heißt: Die Fehler wurden, wenn überhaupt, bereits weit im Vorfeld der WM bei der Talentförderung gemacht. Der Verdacht liegt nahe, dass aufgrund des von den Top-Clubs in der Bundesliga weitgehend praktizierten, am Ballbesitz orientierten Tiki-Tika-Spiels primär ein Spieler-Typ gezüchtet wurde – nämlich der des technisch versierten Schönspielers. Und allen jungen Talenten, die zum Beispiel die Veranlagung zum „Stoßstürmer“ oder „kämpfenden Ackergaul“ hatten, die fielen entweder durch das Raster oder die „Ecken und Kanten“ wurden ihnen abtrainiert.

Ähnlichen Tendenzen entdeckt man häufig in der Personalentwicklung und Talentförderung von Unternehmen – die auch Moden und Trends unterliegt. So vergaßen in den letzten Jahren nicht wenige Unternehmen, dass sie auch „fleißige Bienen“ zum Abarbeiten brauchen – ein Grund, warum sie heute oft über einen Mangel an qualifizierten Fachkräften klagen. Ebenso vergessen zurzeit viele Unternehmen bei ihrer Führungskräfteentwicklung, dass sie neben „Leadern“ auch Manager und fachlich versierte Vorgesetzte brauchen. Denn nur dann können sie ihre Führungsmannschaft top-down so zusammensetzen, dass zum Beispiel Veränderungsvorhaben nicht nur initiiert, sondern auch konsequent und nachhaltig umgesetzt werden.

Was wird nun aus Jogi Löw?

Die entscheidenden Fehler bezogen auf die Nationalmannschaft wurden folglich bereits vor der WM in Russland und zwar bei der Talentförderung gemacht – jedoch nicht von Jogi Löw. Zwar machte auch er taktische Fehler, doch entscheidend waren diese nicht, da er nur auf die vorhandenen Spieler zurückgreifen konnte.

Trotzdem wird Jogi Löw in absehbarer Zeit seinen Hut als Bundestrainer nehmen müssen. Denn an ihm haftet nun der Makel des Scheiterns. Entsprechend kritisch werden künftig alle Äußerungen und Handlungen von ihm beäugt. Und beim kleinsten Lapsus wird der Ruf „Löw muss weg“ laut werden. Nicht weil er versagt hat, sondern weil unter diesem Druck von außen, auch seine Autorität als Bundestrainer leidet, sollte Jogi Löw freiwillig den Hut nehmen. Denn glücklich wird er in dieser Funktion nie mehr; dafür steht er seit dem WM-Aus zu stark im Schussfeld der Öffentlichkeit.


Über den Autor Hans-Peter Machwürth

Hans-Peter Machwürth ist Geschäftsführer der international agierenden Trainings- und Beratungsunternehmens Machwürth Team International (MTI Consultancy).

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