Wie sollten sich mittelständische Unternehmen jetzt aufstellen?
Fit für die Zeit nach Corona

Wie sollten sich mittelständische Unternehmen jetzt aufstellen?

Von Lutz Braun
Am

Die Corona-Krise stellt den Mittelstand vor große Herausforderungen: Fast jede Branche kämpft mit drastischen Umsatz- und Gewinneinbrüchen. Doch Krisen bieten immer auch die Chance, sich strategisch für die Zukunft neu auszurichten.

Die Corona-Pandemie hat viele Teile der Erde gehörig durchgeschüttelt, viele Unternehmen im Mittelstand leiden darunter. Von der „schlimmsten Krise seit der großen Depression“ und der „größten Gefahr seit dem zweiten Weltkrieg“ ist die Rede. Die Wirtschaft fährt nach den drastischen Lockdown-Maßnahmen nur langsam wieder hoch. Nun befindet sich die globalisierte Welt ohnehin schon an einem Wendepunkt: hoch dynamische Märkte (Stichwort: Vuca), neue Technologien, Strukturwandel und disruptive Wettbewerber sorgen für Turbulenzen. Die Corona-Krise beschleunigt diesen Wandel noch. Verantwortliche in mittelständischen Betrieben sollten sich spätestens jetzt ein paar strategische Fragen stellen, um den Weg für eine neue Zukunft zu ebnen.

Auf Herz und Nieren prüfen

Aus unternehmerischer Sicht ist es sinnvoll, die Potenziale und Chancen zu sehen, anstatt sich von den Risiken und Gefahren einvernehmen zu lassen und in Schockstarre zu verfallen. So auch in dieser Krise: Endlich haben Verantwortliche wieder die Zeit, an ihrem Unternehmen zu arbeiten, anstatt nur in ihm. Das Tagesgeschäft hat oftmals die Sicht auf ein paar wesentliche Dinge versperrt. Jetzt, wo vielerorts Auftragsflaute herrscht, lichtet sich diese Sicht wieder.

Im ersten Schritt sollten Verantwortliche ihr Unternehmen daher auf Herz und Nieren prüfen und die Stärken und Schwächen ihres Betriebs analysieren. Allein hier stellen sie fest, wo es schon vor der Krise nicht gut lief und wo noch Potenziale gehoben werden können. Ließen sich bestimmte Produkte schon vor der Krise nicht absetzen, ist es Zeit, diese abzustoßen – und sich wieder auf seine wahre Identität zurück zu besinnen. Gibt es Prozesse in der Lieferkette, die man optimieren kann? Wie verkaufen wir ohne direkten Kundenkontakt? Sinnvoll ist es, sich bei diesen Fragen von innen nach außen vorzuarbeiten.

Die Belegschaft integrieren

In jeder Krise gilt: Klare Kommunikation ist der Schlüssel zum erfolgreichen Turnaround. Selbstverständlich bekommen die Mitarbeitenden mit, dass es nicht rund läuft. Verantwortliche sollten keinen Hehl daraus machen, sondern klar ansprechen, wie das Unternehmen finanziell dasteht. Verunsicherung herrscht ohnehin – durch klare Kommunikation zeigt die Führungsebene immerhin: Wir wollen euch nichts vormachen. Wir sitzen alle im selben Boot. Gemeinsam schaffen wir das.

Das ist enorm wichtig, denn: Nur, wer seine Leute abholt und sie von Anfang an in die Problemlage einbezieht, kann auch erwarten, dass sie sich trotz der schweren Lage für das Unternehmen einsetzen. Gelingt es Unternehmern, ihre Belegschaft auf die Krise einzuschwören, erhöht sich die Chance, neue Wege aus ihr heraus zu finden – und gemeinsam die Zukunft zu gestalten.

Aus alten Denkmustern ausbrechen

Dazu gehört, seinen Leuten einen Gestaltungsspielraum zu geben und sie anzuregen, den Status Quo zu hinterfragen sowie Lösungsansätze zu entwickeln: Wo können wir unser Geschäftsmodell erweitern? Welche Märkte können in Zukunft relevant für uns werden? Wie können wir unseren Kundenstamm erweitern und diversifizieren? Kleinere Unternehmen im Mittelstand haben oftmals nur wenige Kunden, von denen sie abhängig sind. Diese Konstellation sollten sie in Zukunft vermeiden.

Es gilt, seine gesamte Branche kritisch zu hinterfragen und aus alten Denkmustern auszubrechen: Können wir Symbiosen mit anderen Unternehmen bilden oder uns gar mit Wettbewerbern und branchenfremden Firmen zu einem strategischen Ökosystem vernetzen, um gemeinsam neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln? All das erfordert unternehmerischen Mut. Wer ihn aufbringt, eröffnet sich neue Möglichkeiten.

Den Handlungsdruck nutzen

Am Beispiel der Corona-Krise zeigt sich, wie schnell Unternehmen plötzlich agieren können – sobald der Handlungsdruck groß genug ist. Die KfW-Bank geht von einem Corona-getriebenen Digitalisierungsschub im Mittelstand aus. Natürlich stellt sich die Frage, wie nachhaltig ein hastig auf den Weg gebrachtes Digitalisierungskonzept ist. Aber allein die Bereiche Home-Office und virtuelle Zusammenarbeit haben sich für viele Unternehmen als erfolgreiche Digitalisierungsprojekte herausgestellt.

Mittelständische Unternehmer sollten sich demzufolge fragen: Wie und in welchen Bereichen können wir den Handlungsdruck für uns nutzen und in positive Energie umwandeln? Hilfreich ist es, sich mit Leuten, die nicht „betriebsblind“ sind und einen klaren, objektiven Blick von außen mit einbringen, auszutauschen.

Das Controlling straffen

Die größeren mittelständischen Unternehmen haben sich in der Regel mit der Zeit einen Eigenkapitalstock aufgebaut, von dem sie in Krisenzeiten eine Zeit lang zehren können. Das sollte auch für kleine Betriebe ein Ziel sein. Mit anderen Worten: Verantwortliche müssen ihr Kosten-Controlling straffen. Natürlich ist Controlling nicht alles und für erfolgreiches Unternehmertum spielen auch weiche Faktoren eine wichtige Rolle.

Allerdings prüfen kleine Unternehmen oftmals nicht genau, ob ein Auftrag überhaupt Gewinn abwirft. Viele Aufträge decken maximal die Kosten. Dass sie dann in Krisenzeiten schnell in Schieflage geraten, ist daher nicht verwunderlich. Verantwortliche sollten sich in diesem Zusammenhang fragen: Wenn ich Investor wäre, würde ich dann in mein eigenes Unternehmen investieren? Wäre das eine nachhaltig erfolgreiche Investition? Wer diese Fragen ernst beantwortet, hält sich den Spiegel vor und erkennt: Mein Unternehmen läuft gut – oder auch nicht.

Fazit

Wir befinden uns noch inmitten der Corona-Krise. Nach dem ersten Schock ging es vor allem um Liquiditätssicherung, um überlebensfähig zu bleiben. Jetzt bewegt sich die Wirtschaft langsam in eine aktionistische Phase, in der sich Unternehmen versuchen, neu aufzustellen. Das Zukunftsinstitut spricht von einem „Fenster der Möglichkeiten“, das sich nun öffnet. Hier sind Kreativität und unternehmersicher Mut gefragt, um gestärkt aus der Krise hervorzutreten. Not macht erfinderisch, sagt man. Wenn Familienunternehmen die Chance der Krise für sich nutzen wollen, sollten sie sich trauen, aus alten Denkmustern auszubrechen und neue Wege zu gehen.

Foto/Thumbnail: ©Violka08/Depositphotos.com

Über den Autor

Foto Lutz Braun, Berater Familienunternehmen

Lutz Braun Lutz Braun ist Manager, Wegbereiter und Wegbegleiter für Familienunternehmen und Unternehmerfamilien. Er unterstützt Verantwortliche bei Strategiefragen und -umsetzung, der Nachfolgeplanung sowie bei der Etablierung eines passenden Führungsstils im Unternehmen. Tradition und Innovation sind für Braun keine Gegensätze und so ebnet er Unternehmen den Weg in das 21. Jahrhundert. www.lutzbraun.com
Zum Autorenprofil

Kommentare

Kommentar schreiben:

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.