Warum Manager durch Stress und Druck an Klarheit verlieren
Innerer Zustand entscheidend

Warum Manager durch Stress und Druck an Klarheit verlieren

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Warum treffen Führungskräfte unter Druck schlechtere Entscheidungen? Druck verändert die Entscheidungskraft von Managern - oft unbemerkt. Nicht fehlende Kompetenz ist das Problem, sondern ein überreiztes Nervensystem. Stress verengt die Wahrnehmung und verschiebt Risikoabwägungen. Gute Führung beginnt deshalb beim inneren Zustand – nicht bei der Strategie.

Fehlentscheidungen entstehen selten aus Inkompetenz. Sie entstehen aus einem übermotivierten Nervensystem. Wer verstehen will, warum unter Druck plötzlich anders geführt wird, muss den physiologischen Zustand der Entscheider in den Blick nehmen. In jedem Vorstand sitzt ein unsichtbarer Mitentscheider mit am Tisch: Das Nervensystem. Es liest keine Strategiepapiere und bewertet keine Business Cases. Es prüft vor allem eines: Sicherheit.

Wie Stress die Wahrnehmung von Risiken verzerrt

Führungskräfte in Drucksituationen agieren anders. Die Szene ist häufig ähnlich. Die Zahlen sind angespannt, der Markt volatil, eine Investition steht an. Fachlich ist alles vorbereitet. Doch im Meeting verändert sich die Atmosphäre spürbar. Stimmen werden fester, Argumente kürzer, Risiken größer. Am Ende fällt eine Entscheidung, die weniger aus Klarheit entsteht als aus der inneren Anspannung des Chefs. Was hier wirkt, ist keine fehlende Kompetenz. Es ist Biologie.

Warum Tempo nicht gleich Entscheidungsstärke ist

Stress ist kein mentales Phänomen. Er beginnt im Nervensystem. Sobald dieses System Gefahr registriert, real oder subjektiv, schaltet der Organismus auf Schutz. Puls und Atem beschleunigen sich, die Wahrnehmung verengt sich, Ambivalenz wird schwerer erträglich.

In diesem Zustand priorisiert das Gehirn Sicherheit vor Differenzierung. Man gewichtet Risiken stärker als Chancen. Komplexität wird reduziert. Geschwindigkeit fühlt sich wie Kontrolle an. Was man im Unternehmen als Entschlossenheit interpretiert, ist häufig eine Stressreaktion. Führung ist zuerst die Regulation, dann Strategie. Solange dieser Zusammenhang unterschätzt wird, bleibt ein entscheidender Einflussfaktor unsichtbar.

Der strategische Blindfleck vieler Unternehmen

Unternehmen investieren erheblich in Strategieentwicklung, Prozessoptimierung und Kennzahlensysteme. Kaum ein Unternehmen investiert jedoch systematisch in die Entscheidungsfähigkeit unter Druck.

Dabei entscheidet genau diese Fähigkeit über langfristige Wettbewerbsstärke. Wenn Führungskräfte dauerhaft im Alarmmodus operieren, verändern sich Entscheidungsprozesse strukturell. Wie sehen diese Veränderungen aus?

  •  Diskussionen werden verkürzt
  •  Widerspruch wird seltener geäußert
  •  Kontrollmechanismen nehmen zu
  •  Risiko Abwägungen werden extremer

Kurzfristig entsteht Tempo. Langfristig sinkt die Qualität.

Entscheidungsqualität unter Druck gezielt verbessern

Druck wird bleiben. Märkte bleiben volatil. Entscheidend ist, wie Organisationen mit physiologischer Aktivierung umgehen. Drei Hebel haben sich in der Praxis bewährt:

  1. Verlangsamung bei hohem Druck: Je höher die Anspannung, desto klarer sollten Entscheidungsprozesse strukturiert sein. Eine verpflichtende zweite Perspektive vor strategischen Beschlüssen reduziert impulsive Richtungswechsel.
  2. Widerspruch als Stabilitätsfaktor etablieren: Ein bewusst definierter Gegenpol im Führungsteam schützt vor kollektivem Alarm Denken. Kontroverse ist kein Risiko, sondern Qualitätsmerkmal.
  3. Selbstregulation professionalisieren: Selbstregulation ist keine weiche Kompetenz. Sie ist strategische Voraussetzung. Ein regulierter Zustand erweitert die Wahrnehmung und erhöht die Differenzierungsfähigkeit.

Fazit: Erst Regulation, dann Strategie

Nicht die Strategie scheitert. Oft scheitert der Zustand, aus dem heraus man entscheidet. Unternehmen, die nur an Prozessen arbeiten, greifen zu kurz. Unternehmen, die den Zustand ihrer Entscheider ernst nehmen, gewinnen an Stabilität. Führung ist zuerst die Regulation, dann Strategie.

  1. Wie man unter Stress klug entscheidet. wirtschaftspsychologie-aktuell.de. Sven Seibold und Alexander Horn, 13.04.2022.
  2. Sympathikus vs. Parasympathikus: Ist mein Nervensystem überlastet? welt.de/podcasts. Sophia Häglsperger. 05.11.25.

Bildnachweis: istockphoto.com/pavlen

Über den Autor

Ines Richter Ines Richter ist Expertin für atembasierte Stressprävention im beruflichen Kontext. Sie unterstützt Führungskräfte von Unternehmen dabei, Stressbelastung zu reduzieren, Konzentration zu steigern und die mentale Leistungsfähigkeit nachhaltig zu stärken. In Workshops und Vorträgen vermittelt sie wissenschaftlich fundierte Atemtechniken für den Arbeitsalltag.  www.inesrichterlifecoach.com
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