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Dr. Josef Scheiber, Wissenschaftler + Unternehmer

„Ein Mitarbeitender mit 60–70 % Leistungskapazität erscheint in keiner Statistik“

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Gesundheit ist kein weiches HR-Thema, sondern ein zentraler Faktor für Leistung, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit. Im Interview erklärt der Wissenschaftler und Unternehmer, Dr. Josef Scheiber, warum der Krankenstand nur einen kleinen Teil der Realität abbildet, weshalb viele Gesundheitsprogramme in Unternehmen kaum Wirkung entfalten und warum Führung künftig stärker als biologischer Einflussfaktor verstanden werden muss.

Porträtfoto von Dr. Josef Scheiber, Wissenschaftler und Unternehmer

Dr. Josef Scheiber, Wissenschaftler und Unternehmer, beschäftigt sich u.a. mit dem Thema „Verlorene Leistung am Arbeitsplatz“. Foto: Dr. Josef Scheiber

Onpulson: Herr Dr. Scheiber, Sie sind Wissenschaftler und Unternehmer und betreiben die Website bio-eta.de. Sie sprechen vom teuersten Fehler moderner Organisationen, wenn es um die Gesundheit der Mitarbeitenden geht. Was meinen Sie damit?

Dr. Josef Scheiber: Die meisten Unternehmen glauben, ihr größtes Risiko liege in Märkten, Wettbewerb oder geopolitischen Entwicklungen. Das stimmt nur zur Hälfte. Das größte unterschätzte Risiko sitzt im eigenen System: Erschöpfte, überlastete, biologisch dysregulierte Menschen, die weiterhin „funktionieren“, aber längst nicht mehr leistungsfähig sind. Und genau das ist das Problem: Sie fallen nicht aus. Sie arbeiten. Nur schlechter.

Die wirtschaftliche Forschung hat dafür einen Begriff: Verlorene Leistung am Arbeitsplatz. Nicht durch Abwesenheit, sondern durch Anwesenheit ohne volle Wirksamkeit. Ich nenne es gerne den unsichtbaren Verlust. Studien zeigen seit Jahren konsistent: Der Verlust durch reduzierte Produktivität ist mehrfach höher als der Verlust durch Krankheitstage. Trotzdem fließt fast die gesamte Aufmerksamkeit in die kleinere Zahl. Weil sie sichtbar ist.

Onpulson: Dann sind Krankenstände die falsche Kennzahl, auch wenn es in der HR-Abteilung oft darum geht?

Dr. Josef Scheiber: Krankenstände sind nur die Spitze des Eisberges. Sie sind bequem. Sie sind sichtbar, messbar, reportbar. Der eigentliche Schaden entsteht darunter: Reduzierte kognitive Leistung, langsamere Entscheidungen, höhere Fehlerquoten, sinkende Kreativität, verkürzte Aufmerksamkeitsspannen und nachlassende Belastbarkeit unter Druck. Ein Mitarbeitender mit 60–70 % Leistungskapazität erscheint in keiner Statistik. In der Realität ist er jedoch ein massiver wirtschaftlicher Faktor. Multipliziert über Teams und Jahre entsteht ein Effekt, der größer ist als viele klassische Kostenblöcke – nur unsichtbar.

Dabei handelt es sich um ein strukturelles Missverständnis: Gesundheit wird in den meisten Unternehmen und deren HR falsch eingeordnet. Sie wird behandelt als Benefit, Kulturthema, Employer Branding, freiwillige Zusatzleistung. Das ist bequem und falsch. Gesundheit ist kein „People-Thema“, sie ist ein Performance-Thema. Und damit ein Thema für Geschäftsführung, Strategie und Risikomanagement. Solange Gesundheit ausschließlich in HR verortet bleibt, fehlt ihr das, was jede andere strategische Funktion längst hat: Budget, Kennzahlen, Verantwortung und letztlich Konsequenz.

Gesundheits-Programme ohne Wirkung

Onpulson: Eine große Anzahl an Unternehmen bemühen sich mit allerlei Gesundheits-Programmen. Bringen die denn gar nichts?

Dr. Josef Scheiber: Viele Unternehmen investieren in Fitnessangebote, Achtsamkeitstrainings, Ernährungskurse, Mental-Health-Initiativen und Gesundheitstage. Auch wenn diese Programme gut gemeint und vielfältig sind, scheitern sie doch. Das Problem ist nicht der Wille, das Problem ist die Struktur. Diese Maßnahmen sind nicht datenbasiert, nicht personalisiert, nicht vernetzt und vor allem nicht überprüfbar. Sie erzeugen Aktivität, aber kaum Wirkung. Gesundheit wird behandelt wie ein Imageprojekt, nicht wie ein steuerbares System. Das Ergebnis: Hohe Ausgaben, niedrige Effektivität, kein belastbarer Return. Und am Ende die Schlussfolgerung: „Das bringt nichts.“ Das ist falsch, denn man muss sagen: „Es bringt nichts in dieser Form.“

Die unbequeme Wahrheit lautet: Unternehmen optimieren Maschinen auf Effizienz, Prozesse auf Geschwindigkeit und Finanzen auf Rendite, aber sie ignorieren den Zustand des Systems, das all das steuert: Den Menschen. Das ist, als würde man ein Hochleistungsfahrzeug perfekt warten und gleichzeitig den Fahrer systematisch übermüden. Kein Industrieunternehmen würde eine kritische Maschine ohne Sensorik, ohne Wartungsplan, ohne Frühwarnsystem betreiben. Beim Menschen tut man genau das. Jeden Tag. In nahezu jedem Unternehmen.

Hinzu kommt der demografische Verstärker. Die Belegschaften altern. Schneller, als viele Unternehmen kalkulieren. In den nächsten zehn Jahren verschiebt sich der Anteil der über 50-Jährigen in fast allen Industrieländern deutlich nach oben. Gleichzeitig steigt die kognitive Komplexität der Arbeit: Mehr Entscheidungen pro Tag, mehr parallele Informationsströme, weniger echte Erholungsphasen, permanente Erreichbarkeit. Das bedeutet: Die biologische Belastung steigt, während die biologische Reserve sinkt. Wer dieses Spannungsfeld nicht systemisch adressiert, verliert Leistungsträger schneller, als er sie ersetzen kann.

Onpulson: Was ist Ihrer Meinung nach denn die zentrale Frage, die sich Unternehmen stellen müssen, um dieses Dilemma zu lösen?

Dr. Josef Scheiber: Das größte Problem ist die fehlende biologische Orientierung. Und die zentrale Frage, die eben nicht gestellt wird, lautet: „In welchem Zustand befindet sich das System Mensch im Unternehmen?“ Es herrscht Annahme statt Wissen. Und es werden so lapidare Aussagen getroffen, wie „Die Leute werden schon klarkommen.“, „Ein bisschen Stress gehört dazu.“ oder „Das ist individuell.“ Nein! Es ist messbar und vor allem auch steuerbar.

Der Kipppunkt liegt vor der Krankheit. Biologische Systeme brechen nicht plötzlich zusammen, sie kippen schrittweise aufgrund von chronischem Stress, gestörter Regeneration, metabolischen Dysbalancen, entzündlichen Prozessen, hormonellen Verschiebungen, mitochondrialer Erschöpfung. Diese Veränderungen beginnen Jahre vorher. Und genau in dieser Phase entstehen die größten wirtschaftlichen Schäden, nicht danach. Wer erst bei Krankheit reagiert, hat bereits verloren. Wichtig wäre eine kleine, aber entscheidende Verschiebung der Perspektive: Weg von der Reaktion auf Diagnosen, hin zur Steuerung biologischer Trends.

Tiefgreifendes System notwendig

Onpulson: Was würden Sie Unternehmen empfehlen?

Dr. Josef Scheiber: Die Lösung ist kein weiteres Programm. Die Lösung ist ein System, das tief greift, statt oberflächlicher und beschönigender Maßnahmen. Der Longevity Loop verfolgt ein einfaches Prinzip: Messen → Verstehen → Handeln → Nachmessen. Messen: Realität statt Gefühl. Nicht Schritte oder Obstkonsum, sondern echte biologische Signale: Stressachsen, Entzündungsmarker, metabolische Stabilität, Regenerationsfähigkeit, autonome Balance, Schlafqualität auf physiologischer Ebene. Hier beginnt echte Steuerung. Was nicht gemessen wird, kann nicht verbessert werden. Was gefühlt wird, täuscht. Was gemessen wird, lässt sich verändern. Verstehen: Muster statt Einzelfälle.

Gesundheit ist kein individuelles Problem, sie ist ein Systemphänomen. Welche Teams sind chronisch überlastet? Wo entstehen stille Leistungsabfälle? Welche Strukturen erzeugen biologischen Stress? Welche Führungskultur regeneriert, welche zermürbt? Das Ziel ist nicht Kontrolle, sondern Klarheit. Daten in aggregierter, anonymisierter Form zeigen das, was keine Mitarbeiterbefragung jemals zeigen kann: Den realen Zustand des Systems. Handeln: Präzision statt Gießkanne. Standardprogramme sind bequem und ineffizient.

Wirksam wird Gesundheit erst, wenn sie individuell angepasst, zeitlich abgestimmt und systemisch eingebettet ist. Was den einen regeneriert, belastet den anderen. Was im Frühjahr wirkt, versagt im Herbst. Präzision schlägt Programmatik. Immer. Nachmessen: Wirkung statt Hoffnung. Der entscheidende Schritt, der fast immer fehlt. Ohne Rückkopplung bleibt Gesundheit eine Ausgabe. Mit Rückkopplung wird sie ein Investment. Erst die Schleife macht aus Aktivität Wirkung. Und Wirkung ermöglicht Steuerung.

Onpulson: Stehen Unternehmen folglich unter einem akuten Handlungsdruck?

Dr. Josef Scheiber: Für mich ja! Die Gesundheit ist Infrastruktur, ob man will oder nicht. Unternehmen investieren Millionen in IT-Systeme, Maschinenparks, Produktionslinien, Cybersicherheit und Cloud-Architektur. Warum? Weil sie wissen, dass ohne funktionierende Systeme keine Wertschöpfung entsteht. Gesundheit ist genau das Gleiche. Nur wird diese oft ignoriert. Aber: Ein erschöpftes System trifft schlechtere Entscheidungen. Langsamere. Teurere. Mit höherem Risiko. Für mich ist in wissensbasierten Organisationen die kognitive Leistungsfähigkeit nicht ein Faktor unter vielen, sie ist die Produktion selbst.

Führung ist für mich klar ein biologischer Faktor. Auch wenn das selten ausgesprochen wird: Führung ist Biologie! Nicht im weichen Sinne, sondern im physiologischen. Eine Führungskultur, die permanent Stress erzeugt, verändert Hormonprofile, Schlaf, Entzündungslast und Entscheidungsqualität – messbar, quer durch das gesamte Team. Eine Führungskultur, die Regeneration ernst nimmt, verschiebt dieselben Parameter in die Gegenrichtung. Das bedeutet: Führung ist keine Stilfrage. Führung hat eine Systemwirkung. Wer Führung weiterhin ausschließlich als Verhaltens- oder Kulturthema behandelt, übersieht ihren stärksten Hebel: Die direkte biologische Wirkung auf Leistung.

Onpulson: Die Führung spielt somit eine entscheidende Rolle im Bereich Human Maintenance?

Dr. Josef Scheiber: Führung bedeutet Verantwortung und diese Verantwortung wird messbar. Was messbar wird, wird vergleichbar. Was vergleichbar wird, wird bewertbar. Was bewertbar ist, fällt in den Bereich der Sorgfaltspflicht. Aufsichtsräte fragen heute nach Cybersicherheit. Morgen werden sie nach biologischer Resilienz der Belegschaft fragen. Nicht aus Mitgefühl, sondern weil es ein Risikofaktor ist, der den Unternehmenswert beeinflusst. Wer das früh verstanden hat, gestaltet den Standard. Wer es spät versteht, muss reagieren.

Sich vom Wettbewerb absetzen

Onpulson: Ein klarer Wettbewerbsvorteil, oder?

Dr. Josef Scheiber: Unternehmen, die Gesundheit systematisch integrieren, profitieren nicht nur von weniger Ausfällen, höherer Produktivität, besserer Mitarbeiterbindung, geringerer Fluktuation und einem attraktiveren Arbeitgeberprofil. Sie gewinnen etwas viel Wichtigeres: Bessere Entscheidungen. Und in einer komplexen Welt ist das der bestimmende Hebel. Strategie ist nur so gut wie die Köpfe, die sie umsetzen. Und Köpfe sind nur so gut wie die biologischen Systeme, die sie tragen. Ich komme an diesem Punkt noch einmal zurück zur Frage nach dem Handlungsdruck. Drei Entwicklungen lassen sich nicht mehr ignorieren: Erstens, Belegschaften altern. Zweitens, Arbeit wird kognitiv anspruchsvoller. Und drittens, biologische Daten werden messbar. Das bedeutet: Der blinde Fleck wird sichtbar und damit auch die Verantwortung. Wer heute beginnt, baut Vorsprung auf. Wer wartet, baut Rückstand auf. Beides geschieht ab demselben Moment.

Onpulson: Was ist der nächste logische Schritt?

Dr. Josef Scheiber: Die industrielle Ära hat Maschinen optimiert. Die digitale Ära hat Daten optimiert. Die nächste Phase optimiert das System Mensch. Nicht maximal, sondern intelligent. Unternehmen stehen vor einer einfachen Entscheidung: Weiter im Blindflug oder systemische Steuerung. Gesundheit ist kein „Nice-to-have“, sie ist längst ein entscheidender Produktionsfaktor. Die Frage ist nicht mehr, ob Unternehmen sich damit beschäftigen, sondern wie lange sie es sich noch leisten können, es nicht zu tun.

 

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