Digitale Geschäftsmodelle scheitern oft an der Umsetzung
Europäische Industrieunternehmen planen neue digitale Geschäftsmodelle, stoßen in der Praxis aber auf große Hürden. Cybersicherheit, hohe Kosten, Regulierung und fehlende digitale Ökosysteme bremsen die Umsetzung.
Das Wichtigste auf einen Blick
- 92 Prozent der befragten Industrieunternehmen wollen in den nächsten drei Jahren neue digitale Geschäftsmodelle einführen
- Die größten Hürden sind Cybersicherheit, Datenschutz, hohe Kosten, Regulierung und fehlende Fachkräfte
- Europa wird nur begrenzt als einheitlicher digitaler Markt wahrgenommen, was die Skalierung digitaler Angebote erschwert
- Partnerschaften gelten als entscheidend, doch nur 5 Prozent der Unternehmen sind bereits aktiv in digitalen Ökosystemen organisiert
Digitale Geschäftsmodelle stehen weit oben auf der Agenda
Europäische Industrieunternehmen bereiten sich strategisch auf neue digitale Geschäftsmodelle vor, kommen bei der praktischen Umsetzung jedoch nur begrenzt voran. Das zeigt die FACIS-Umfrage „Europas digitale Zukunft“ („Unlocking New Digital Business Models in Europe 2026“) von FACIS, für die das Marktforschungsinstitut moweb research 800 Entscheider in europäischen kleinen und mittelständischen Industrieunternehmen befragt hat.
92 Prozent der befragten Unternehmen geben an, innerhalb der kommenden drei Jahre neue digitale Geschäftsmodelle einführen zu wollen. In Deutschland liegt dieser Anteil sogar bei 96 Prozent. Damit ist die grundsätzliche Bereitschaft zur digitalen Transformation in der Industrie hoch.
Auch auf strategischer Ebene sehen sich viele Unternehmen bereits vorbereitet. 88 Prozent der befragten Unternehmen in Europa haben nach eigener Einschätzung eine Digitalisierungsstrategie erarbeitet. 80 Prozent geben zudem an, bereits eine KI-Strategie eingeführt zu haben.
Zwischen Strategie und Umsetzung bleibt eine deutliche Lücke
Die Umfrage zeigt allerdings auch, dass zwischen Planung und tatsächlicher Umsetzung erhebliche Hürden bestehen. Als größtes Hindernis nennen 48 Prozent der Befragten Cybersicherheit und Datenschutz. Gerade bei digitalen Geschäftsmodellen, die auf Daten, Vernetzung und Plattformstrukturen beruhen, werden diese Basisthemen damit zu zentralen Umsetzungsfaktoren.
Weitere Hemmnisse liegen in den Kosten und im regulatorischen Umfeld. 42 Prozent der Unternehmen bemängeln zu hohe Kosten, während 36 Prozent gesetzliche und rechtliche Herausforderungen als Problem sehen. Hinzu kommen weitere, bereits aus früheren Digitalisierungsdebatten bekannte Bremsfaktoren.
31 Prozent der Befragten nennen den Mangel an qualifizierten Fachkräften. 30 Prozent verweisen auf veraltete oder unzureichende IT-Infrastruktur, während 20 Prozent Widerstand gegen Veränderungen innerhalb der Organisation beklagen. Damit wird deutlich: Digitale Geschäftsmodelle scheitern nicht nur an Technologie, sondern häufig an organisatorischen, finanziellen und rechtlichen Rahmenbedingungen.
Europa wird nur begrenzt als einheitlicher digitaler Markt wahrgenommen
Ein weiteres Problem liegt in der grenzüberschreitenden Skalierung digitaler Angebote. Nur 53 Prozent der Befragten nehmen Europa als einheitlichen Markt für digitale Geschäftsmodelle wahr. Für Unternehmen, die digitale Services über Ländergrenzen hinweg entwickeln oder anbieten wollen, bleibt die Fragmentierung damit ein wesentliches Hindernis.
Andreas Weiss, Geschäftsführer des eco Verbandes, sagt: „Die Bereitschaft für digitale Geschäftsmodelle ist da. Was Unternehmen heute bremst, sind fehlende gemeinsame Standards, unterschiedliche regulatorische Rahmenbedingungen und die Komplexität grenzüberschreitender digitaler Zusammenarbeit. Man könnte auch sagen: Europa hat kein Strategieproblem. Europa hat ein Umsetzungsproblem.“
Gleichzeitig sind viele Unternehmen bei der Modernisierung ihrer Infrastruktur vorangekommen. Zwei Drittel der Befragten bewerten ihre IT-Infrastruktur als modern. 60 Prozent setzen bereits auf Cloud-basierte Umgebungen.
Partnerschaften gelten als wichtig, digitale Ökosysteme bleiben selten
Für digitales Wachstum spielen Kooperationen aus Sicht der Unternehmen eine zentrale Rolle. 76 Prozent der Befragten halten Partnerschaften für entscheidend. In der praktischen Organisation zeigt sich jedoch eine erhebliche Lücke: Nur 5 Prozent sind heute aktiv in digitalen Ökosystemen organisiert oder koordinieren solche Strukturen.
Damit bleibt die Zusammenarbeit über Anbieter, Infrastrukturen, Branchen und Länder hinweg für viele Unternehmen eher strategisches Ziel als gelebte Praxis. Gerade für neue digitale Geschäftsmodelle ist diese operative Vernetzung jedoch wichtig, weil Wertschöpfung zunehmend über Plattformen, Datenräume, Cloud- und Edge-Infrastrukturen sowie gemeinsame Standards entsteht.
Emma Wehrwein, Projektleitung FACIS und Senior Manager Innovation & Digital Ecosystems bei eco, sagt: „Der Wille zur Zusammenarbeit ist in Europa klar erkennbar. Jetzt geht es darum, digitale Ökosysteme auch operativ nutzbar zu machen – über unterschiedliche Anbieter, Infrastrukturen und Branchen hinweg.“
Projekte wie FACIS im Rahmen des übergreifenden Projekts 8ra setzen genau an dieser Stelle an. Sie sollen praktische Ansätze für vertrauenswürdige digitale Zusammenarbeit, skalierbare Ökosysteme und operative Kooperation über Anbieter- und Ländergrenzen hinweg unterstützen.
Was die Ergebnisse für den Mittelstand bedeuten
Für kleine und mittlere Industrieunternehmen zeigen die Ergebnisse, dass digitale Geschäftsmodelle nicht mehr nur ein Zukunftsthema sind. Viele Betriebe haben bereits Strategien formuliert und erkennen den Handlungsbedarf. Entscheidend wird nun, aus strategischen Zielbildern konkrete Umsetzungsprojekte abzuleiten.
Dabei stehen Mittelständler vor mehreren Aufgaben zugleich. Sie müssen Cybersicherheit und Datenschutz belastbar organisieren, Investitionen priorisieren, Fachkräfte einbinden und ihre IT-Infrastruktur weiterentwickeln. Zugleich wird es wichtiger, Kooperationen mit Partnern, Plattformen und digitalen Ökosystemen nicht nur punktuell, sondern strukturiert aufzubauen.
Die Umfrage macht deutlich, dass digitale Geschäftsmodelle vor allem dort skalieren können, wo technische Voraussetzungen, Vertrauen, rechtliche Klarheit und operative Zusammenarbeit zusammenkommen. Für Führungskräfte bedeutet das: Digitalisierung bleibt eine strategische Aufgabe, muss aber stärker in Prozesse, Budgets, Partnerschaften und Verantwortlichkeiten übersetzt werden.
Die vollständige Studie können Sie hier herunterladen: hier.
Bildnachweis: istockphoto.com/metamorworks

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