Finanzen

„Ein strukturierter Business Plan ist die Basis für Venture Capital“

Martin Schlichte, Geschäftsführer Lecturio GmbH

Martin Schlichte, Geschäftsführer Lecturio GmbH

Onpulson: Herr Schlichte, Sie sind im Mai 2009 mit dem Video-Lernportal Lecturio.de online gegangen. Bitte klären Sie unsere Leser auf, was Lecturio.de genau macht.

Martin Schlichte: Kurz gesagt, kann man auf Lecturio.de e-Vorlesungen, also für das Internet aufbereitete Mitschnitte von Vorlesungen und Vorträgen, aber auch speziell für das Web vorbereitete Schulungen finden. Heute kann man auf unserer e-Learning-Plattform bereits e-Vorlesungen aus über 20 Themen wie BWL, Jura, IT u.v.m. finden. Unsere Vision ist, das Wissen von Top-Dozenten an jeden Punkt der Erde zu bringen – „Harvard für Jedermann“ sozusagen.

Onpulson: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihr Unternehmen zu gründen?

Martin Schlichte: Es fing damit an, dass wir selber während unseres Studiums anspruchsvolle Stellen von Vorlesungen zur besseren Prüfungsvorbereitung mit unserem Handy mitschneiden wollten. Anschließend mussten wir aber feststellen, dass diese Aufnahmen nicht brauchbar waren, weil man alles hörte, nur nicht die Stimme des Dozenten – von der Bildqualität des Handyvideos reden wir lieber erst gar nicht.

Also dachten mein damaliger Banknachbar und heutiger Mitgründer Tim Koschella und ich uns: warum verpufft dieses wertvolle Wissen eigentlich, und was müssen wir tun, damit man als Student bei einem 90-minütigen Video einer Vorlesung nicht einschläft? Die Antworten darauf waren die ersten Schritte zur Gründung von Lecturio.

Onpulson: Wie sieht die Kooperationsbereitschaft der Hochschulen und Professoren aus? Sind diese denn aufgeschlossen gegenüber der neuen „Online-Vorlesung“?

Martin Schlichte: Bereits heute, weniger als ein halbes Jahr nach unserem Launch kooperieren wir bundesweit mit ca. 20 Hochschulen und haben deutsche, englische und spanische e-Vorlesungen auf unserer Plattform – das Feedback von Studenten und Dozenten ist sehr positiv, weil es das Leben von beiden Gruppen enorm vereinfacht – Studenten brauchen Überschneidungen im Stundenplan nicht mehr fürchten, schreiben bessere Klausuren und können auch mal ausschlafen, Dozenten haben praktisch keinen Zusatzaufwand mit e-Vorlesungen, können bei gleichzeitig weniger Zeitaufwand ihre Kommunikation mit den Studenten verbessern und entlasten überfüllte Hörsäle. Nicht zu vergessen, die Möglichkeit mit den Inhalten Geld zu verdienen, indem man z.B. die Inhalte für hochschulfremde Wissenshungrige bepreist.

Viele Dozenten berichten zudem von positiven Effekten auf ihre Lehre. Dieses eindeutige Feedback motiviert sehr und spricht sich herum. Ständig fragen Studenten an, ob wir nicht auch die Vorlesung ihrer Professoren aufnehmen können. Dies ist natürlich nicht unsere alleinige Entscheidung, sondern vor allem auch die der jeweiligen Dozenten.

Wir können nur sagen: Studis, wenn ihr ein besseres Studentenleben wollt, sprecht eure Profs auf Lecturio an!! Ausreden wie Aufwand oder Kosten zählen nicht: die Vorlesung wird gehalten wie immer und insgesamt spart eine Hochschule mit e-Vorlesungen sogar Geld ein!

Onpulson: Wer sind zur Zeit Ihre direkten Wettbewerber am deutschen Markt?

Martin Schlichte: Einige Hochschulen experimentieren auf dem Gebiet der Vorlesungsaufzeichnung und es gibt auch einige gute Ansätze. Ein hochschul- und fächerübergreifendes Angebot für e-Vorlesungen mit den angebotenen Funktionen gibt es aber meines Wissens nur bei uns.

Onpulson: Gibt es bereits eine ähnliche Videoplattformen in anderen Ländern?

Martin Schlichte: Einige amerikanische Hochschulen wie z.B. Standford oder das MIT verbreiten ihre Vorlesungen über iTunesU oder Youtube. Leider passiert dabei genau das, was ich in der zweiten Frage erwähnt hatte: Trotz spannender Inhalte sinkt der Kopf irgendwann unweigerlich auf die Tischplatte, da es einfach unglaublich schwer ist, einem monotonen Nur-Video, länger als 10min zu folgen. Deshalb gibt es bei uns Dozent und Folien parallel, zusätzliche Anmerkungen des Dozenten auf den Folien, Kapitelübersicht mit Direktanwahl einzelner Vorlesungsabschnitte, so dass man hin- und herspringen kann, etc. – (Anm. d. Red.: Demo zur Veranschaulichung einer e-Vorlesung).

Onpulson: Was ist Ihr Geschäftsmodell?

Martin Schlichte: Unser Geschäftsmodell basiert auf drei Säulen: Erstens partizipiert Lecturio am Verkauf von Premium-Inhalten, die z.B. von Experten, Unternehmen, Konferenzveranstaltern und Seminaranbietern auf Lecturio.de eingestellt werden – für einen definierten Nutzerkreis oder weltweit, und die Inhaltsanbieter können den Preis selbst bestimmen.

Zweitens können Unternehmen e-Vorlesungen oder auch ganze e-Vorlesungsreihen an Hochschulen sponsern oder In-Video-Werbung machen – sehr attraktiv für Hochschulen, die dadurch Kosten sparen und sehr interessant für Unternehmen, wenn man bedenkt, dass hochattraktive Zielgruppen sich zum Teil stundenlang e-Vorlesungen ansehen.

Und drittens bietet Lecturio Premium-Accounts für Nutzer, Dozenten und Institutionen an. Mit diesen Premium-Accounts haben Nutzer dann z.B. verbesserte Funktionen, eine Flatrate auf Standardinhalte u.s.w. Dozenten und Institutionen haben bessere Vermarktungsmöglichkeiten, z.B. ein ausführliches Profil, bessere Ansprachemöglichkeiten für potenzielle Kunden etc. Diese Premium-Accounts sind z. B. für Studenten mit ca. 5,- €/Monat sehr günstig, für Unternehmen wird es ein bisschen teurer.

Onpulson: Wie finanziert sich Lecturio.de?

Martin Schlichte: Das Startkapital haben wir von privaten Business Angels bekommen, die von der Idee begeistert waren. Im November 2008 konnten wir dann den TGFS (Technologiegründerfonds Sachsen) als Investor gewinnen.

Onpulson: Was waren bei der Gründung von Lecturio.de die größten Hürden und Stolpersteine, die Sie bewältigen mussten?

Martin Schlichte: Die größte Herausforderung ist sicherlich, ein komplett neues Produkt wie die e-Vorlesung von Lecturio am Markt bekannt zu machen und den Leuten klar zumachen, wie einfach und kostengünstig effektives e-Learning inzwischen sein kann.

Da uns aber immer mehr Bildungsanbieter von sich aus kontaktieren und ihre Seminare, Vorträge oder Vorlesungen über unsere Plattform vertreiben wollen, haben wir diese Hürde wohl erfolgreich überwunden.

Onpulson: Wie sind Sie bei der Aufnahme von Venture Capital vorgegangen und was sollten andere Gründer dabei unbedingt beachten?

Martin Schlichte: Zuerst ist es wichtig, sein Konzept klar strukturiert in einem Business Plan darzustellen – oft ist dies auch ein hilfreicher Prozess um mögliche Denkfehler zu identifizieren. Dann empfiehlt es sich, möglichst viel Feedback einzuholen, auch oder vor allem kritisches. Dieses Feedback kann von Freunden, Eltern, Professoren oder Jurys von Businessplan-Wettbewerben kommen, aber auch nach Absagen von VCs. Wenn ein lange ersehnter Termin bei einem VC steht, sind die 10 Tipps für eine gelungene Präsentation von Guy Kawasaki sehr hilfreich. Vor dem Termin kritische Fragen sammeln und kurze knackige Antworten üben. Mit einer guten Idee und einer Menge Beharrlichkeit sollte es dann irgendwann mit einer soliden Finanzierung funktionieren.

Onpulson: Hoher Traffic auf der Website ist ein wesentlicher Faktor für den Erfolg eines Internetportals. Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um möglichst schnell viele Besucher auf Ihrem Portal zu bekommen?

Martin Schlichte: Mundpropaganda ist ein wichtiges Thema – sobald wir an einer Hochschule auch nur im kleinen Rahmen kooperieren, werden sehr viele Studenten auf uns aufmerksam und registrieren sich. Außerdem haben die Wissensanbieter, ob Hochschule, Experte oder Unternehmen, natürlich auch immer ein ureigenes Interesse, ihre Inhalte zu bewerben und arbeiten praktisch für uns. Durch Mundpropaganda ist z.B. auch unsere Partnerschaft mit Roland Berger Strategy Consultants zustande gekommen, inzwischen offizieller Partner von uns.

Ergänzt wird dies durch unsere Aktivitäten in Sachen Suchmaschinenoptimierung, d.h. e-Vorlesungen bei uns steigen automatisch und sehr schnell in den Google Rankings. Läufige Begriffe wie „Corporate Valuation“ (Finance) ist z.B. in den TopTen von google bei über 11 Mio. Ergebnissen, „Entrepreneur Marketing“ auf Rang 3 bei über 20 Mio. Ergebnissen. Mit jeder unserer inzw. über 1500 e-Vorlesungen geschieht dies ähnlich, was eine Menge Traffic bringt.

Außerdem bewerben wir besondere e-Vorlesungen wie z.B. Jura-Repetitorien oder Seminare zu Online-Marketing und SEO gezielt mit Google Adwords und versuchen über andere soziale Medien wie Twitter, Facebook oder Youtube auf Lecturio aufmerksam zu machen. Auf Youtube  ist z.B. unser erster Spot online.

Onpulson: Wie sieht die optimale Teamzusammenstellung bei einem Internet Start up aus? Welche unterschiedlichen Charaktere und Kompetenzen sollten im Gründer-Team vorhanden sein?

Martin Schlichte: Ich denke, dass vor allem Mut und Beharrlichkeit bei jedem Gründer stark ausgeprägt sein sollten. Ansonsten hilft es natürlich, wenn man sich gegenseitig ergänzt, bei den fachlichen Kompetenzen als auch beim Charakter: Wenn alle Teammitglieder Draufgänger sind, ist das genauso nachteilhaft wie, wenn alle Teammitglieder sehr vorsichtig sind. Solide Kenntnisse von Finanzen und ein ITler mit viel Erfahrung sind wichtig.

Onpulson: Wie wird es mit Lecturio weiter gehen? Was sind die nächsten großen Meilensteine, die Sie mit Ihrem Team erreichen wollen?

Martin Schlichte: Unser Ziel ist, Lecturio 2010 zur nutzerfreundlichsten und umfangreichsten Internetplattform für hochwertiges Wissen in Europa zu machen. Um dieses Ziel zu erreichen, fügen wir natürlich kontinuierlich neue spannende Funktionen wie Texterkennung auf den Folien, individualisierbare Playlists, Anzeige der beliebtesten Stellen in e-Vorlesungen etc. hinzu. Anfang 2010 werden wir international, dann ist die Lecturio-Plattform auch in englisch verfügbar. Und parallel dazu werden wir natürlich so viele e-Vorlesungen wie möglich auf Lecturio.de bringen, um möglichst viele Themengebiete abzudecken.

Onpulson: Abschließend möchten wir Sie noch bitten, eine kurze Einschätzung zu den Zukunftsaussichten der folgenden Internetunternehmen zu geben:

Martin Schlichte:

  • Twitter: Bewegen große Dinge im Bereich der Real-Time Suche. Ideal um zu sehen was die Welt jetzt gerade denkt und tut. Wahrscheinlich war es noch nie so einfach, einem breiten Publikum Neuigkeiten mitzuteilen.
  • eBay: Eine große Erfolgsstory, die sehr viel Einfluss auf den E-Commerce genommen hat. Insgesamt bewegt sich eBay inzwischen mehr in Richtung Handelsplattform wie z.B. Amazon, weg vom ursprünglichen Ansatz der Auktionsplattform – wie auch immer das eBay-Management weiter vorgeht, sicherlich wird eBay die nächsten Jahre ein Schwergewicht im Internet bleiben.
  • Mister Wong: Nutze ich persönlich neben Delicious, da ich computerunabhängig auf meine Favoriten zugreifen kann. Das Konzept, durch die Masse an Nutzern, schnell die für mich relevantesten Links und Infos zu bestimmten Themen finden zu können, finde ich sehr spannend.
  • Facebook: Ein globales Phänomen, welches bereits heute die Gesellschaft beeinflusst, siehe die Kampagne von Barack Obama. Ich denke Facebook hat bereits jetzt bei vielen Menschen einen festen Platz im Alltag und wird starken Einfluss darauf haben, wie wir in Zukunft mit unseren Mitmenschen kommunizieren. Wir bei Lecturio nutzen Facebook neben unserem Blog und Twitter, um mit unseren Nutzern in engem Kontakt zu bleiben. Irgendwann wird es sicherlich auch mal eine Lecturio-Facebook-App geben.
  • Yahoo: Microsoft ist im Rückblick sicherlich sehr froh, dass der erste Anlauf einer Kooperation mit Yahoo nicht geklappt hat. Ich persönlich sehe das Konzept der Alleskönner-Portale eher auf dem absteigenden Ast und glaube, dass die Inhalte in Zukunft mehr zu den Nutzern kommen werden (in Form von RSS, Mail, Facebook, etc.), anstatt an einem Ort abgerufen zu werden. Aber wer weiß, mit dem verrückten Steve Ballmer als Partner ist alles möglich.

Onpulson: Und natürlich Lecturio…

Martin Schlichte: Wir glauben, dass e-Vorlesungen in Zukunft so selbstverständlich zur erfolgreichen Aus- und Weiterbildung gehören wie heute Vorlesungen, Bücher und Skripte. Insgesamt öffnen wir uns weiter und werden e-Vorlesungen in verschiedenen Formaten anbieten, z.B. als „embedded player“ für eigene Webseiten, für den ipod, etc. Besonders bei der besseren Erschließung der Inhalte im Bereich der Texterkennung und Durchsuchbarkeit unserer e-Vorlesungen und somit dem schnellen Finden der relevanten Info für den Nutzer wird es bei uns extrem spannende Entwicklungen geben.

Weblinks zum Interview