Chris Jentner: „Was nicht dokumentiert ist, wurde auch nicht ausgeführt“
Den Sprung von der klassischen Lohngalvanik zum zertifizierten Qualitätsbetrieb für Luftfahrt, Raumfahrt und Verteidigung hat die C. Jentner GmbH geschafft. Im Interview erklärt der geschäftsführende Gesellschafter, Chris Jentner, warum die DIN EN 9100 weit mehr ist als ein Zertifikat, wie Digitalisierung und KI zur lückenlosen Rückverfolgbarkeit beitragen und weshalb dokumentierte Prozesse heute zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden.

Chris Jentner ist geschäftsführender Gesellschafter der C.Jentner GmbH. Sein Unternehmen ist DIN EN 9100 zertifiziert worden. Somit erfüllt das Unternehmen die international anerkannten Qualitätsanforderungen der Luft-, Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie. Foto: C. Jentner GmbH
Onpulson: Herr Jentner, Sie sind geschäftsführender Gesellschafter der C. Jentner GmbH. Stellen Sie uns kurz Ihre Dienstleistung und die erhaltene Zertifizierung vor.
Chris Jentner: C. Jentner ist ein spezialisierter Lohngalvanik-Dienstleister für funktionelle und dekorative Oberflächenveredelungen von Metallbauteilen. Mit unseren Verfahren im Gestell-, Trommel- und Bandbereich bearbeiten wir sowohl Einzelteile als auch Großserien – wirtschaftlich und personenunabhängig reproduzierbar.
Die Zertifizierung nach DIN EN 9100 bestätigt, dass wir die international anerkannten Qualitätsanforderungen der Luft-, Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie erfüllen. Sie belegt, dass unsere Prozesse, Qualitätssicherung und Dokumentation den strengen Vorgaben sicherheitskritischer Anwendungen entsprechen und eröffnet uns den Zugang zu anspruchsvollen Hightech-Segmenten.
Onpulson: Erklären Sie unseren Lesern kurz, was ein Galvanik-Dienstleister – wie ihr Unternehmen – ist?
Chris Jentner: Ein Galvanik-Dienstleister veredelt unter anderem Metalloberflächen durch elektrochemische Prozesse. Ziel ist es, Bauteile dekorativ und/oder funktional aufzuwerten, beispielsweise hinsichtlich Korrosionsschutz, Verschleißfestigkeit, elektrischer Leitfähigkeit oder Kontaktzuverlässigkeit. In der Praxis bedeutet das: Rohteile werden durch definierte Beschichtungsverfahren so verändert, dass sie in anspruchsvollen technischen Anwendungen dauerhaft zuverlässig funktionieren.
Wie sehen die Anforderungen aus?
Onpulson: Welche konkreten Anforderungen aus Luftfahrt, Raumfahrt und Verteidigung gelten für einen Galvanik-Dienstleister, und wie haben Sie diese in Ihren Prozessen umgesetzt?
Chris Jentner: In diesen Branchen gelten drei zentrale Anforderungen: Maximale Prozesssicherheit, lückenlose Rückverfolgbarkeit und eine jederzeit nachweisbare, reproduzierbare Qualität. Die Umsetzung erfolgt bei uns über eine durchgängige digitale Produktionsakte, in der jeder Auftrag mit allen relevanten Prozessparametern dokumentiert und anschließend archiviert wird.
Hinzu kommt eine konsequente chargenbezogene Prüfung im eigenen Labor, einschließlich Schichtdickenmessung und Badanalyse. Gemäß den genannten zentralen Anforderungen können wir unseren Kunden eine vollständige Rückverfolgbarkeit bis auf Chargenebene und eine kontinuierliche Überwachung aller Prozesse garantieren.

Die C. Jentner GmbH hat sich von der klassischen Lohngalvanik zum hochgradigen Qualitätsbetrieb entwickelt und zertifizierte Prozesse für Hochtechnologie-Bereiche geschaffen. Foto: C. Jentner GmbH / danielfoltin.com
Onpulson: Warum ist die DIN EN 9100-Zertifizierung für den Zugang zu diesen Hochtechnologie-Segmenten so entscheidend, und welche Punkte der Norm haben Ihren Betrieb am stärksten verändert?
Chris Jentner: Die DIN EN 9100 ist de facto die Eintrittsvoraussetzung für die Luft-, Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie. Ohne diese Zertifizierung ist eine Qualifizierung als Lieferant in diesen Märkten schwer möglich. Entscheidend ist aber weniger das Zertifikat selbst, sondern der Anforderungskatalog dahinter: Konsequente Prozessorientierung, strukturierte Risikobewertungen, formalisiertes Abweichungsmanagement und nicht zuletzt ein gelebtes System kontinuierlicher Verbesserungen.
Die größten Veränderungen lagen bei uns in der vollständigen Standardisierung und Formalisierung aller Prozesse, der auditfesten Echtzeit-Dokumentation und der verpflichtenden Rückverfolgbarkeit jeder einzelnen Charge.
Onpulson: Wie unterscheidet sich die Dokumentations- und Nachweiskultur in der Luft- und Raumfahrt-Qualitätsmanagementpraxis von anderen Branchen – und wie haben Sie diese Arbeitsweise in Ihrem Unternehmen verankert?
Chris Jentner: Der Unterschied ist grundlegend: In vielen Branchen wird die Qualität stichprobenbasiert abgesichert , in der Luft- und Raumfahrt gilt hingegen das rigorose Prinzip: Was nicht dokumentiert ist, wurde auch nicht durchgeführt! Das führt dazu, dass jeder Prozessschritt verpflichtend dokumentiert, jede Prüfung vollständig nachgewiesen und jede Abweichung formal behandelt werden muss.
Bei C. Jentner wurde diese Arbeitsweise durch Einführung der digitalen Produktionsakte als zentrales Steuerungsinstrument verankert. Die Dokumentation ist dabei nicht nachgelagert, sondern integraler Bestandteil unserer Produktion. Hinzu kommen regelmäßige Schulungen des Teams und eine klare Ausrichtung auf auditfähiges Arbeiten.
KI zur Auswertung und Überwachung
Onpulson: Arbeiten Sie mit KI/Automatisierung?
Chris Jentner: Ja, allerdings betont zielgerichtet und praxisnah. So setzen wir KI-gestützte Systeme etwa zur Auswertung von Prozessdaten oder auch zur automatisierten Überwachung von Arbeitsplänen und Prozessparametern ein. Wohlgemerkt ist das Ziel dabei nicht der Einsatz moderner Technologien um ihrer selbst willen, sondern die stabile, skalierbare Sicherstellung der Qualität und die frühzeitige Erkennung von eventuellen Abweichungen.
Onpulson: Wie sieht die Entwicklung in der Branche Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren aus?
Chris Jentner: Die Entwicklung ist klar absehbar: Der Markt konsolidiert sich weiter, da nur ein begrenzter Kreis von Anbietern die steigenden regulatorischen und qualitativen Anforderungen langfristig erfüllen kann. Parallel dazu wird die Digitalisierung zur Grundvoraussetzung. Ohne durchgängige Datenerfassung und Nachverfolgbarkeit ist der Zugang zu Hochtechnologie-Segmenten daher künftig nicht mehr möglich. Außerdem wird der Einsatz von Automatisierung und KI zum Standard in der Prozessüberwachung und Qualitätssicherung.
Onpulson: Wie erfolgsentscheidend war Ihr bestehender Status quo in puncto Digitalisierung und lückenloser Nachverfolgbarkeit am Anfang des Zertifizierungsverfahrens?
Chris Jentner: Der bestehende Digitalisierungsgrad war ein ganz entscheidender Erfolgsfaktor. Schließlich bildeten die bereits etablierten digitalen Produktionsprozesse, die vorhandene lückenlose Dokumentation und die KI-unterstützte Qualitätssicherung die Grundlage für die erfolgreiche Zertifizierung. Wenn wir nicht auf diesem hohen Niveau gestartet wären, hätte sich der Aufwand für die Umsetzung der Normanforderungen deutlich erhöht, sowohl organisatorisch als auch zeitlich.
Bildnachweis: istockphoto.com/Miodrag Kitanovic

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