Kulturelle Unterschiede in Asien: Die Macht der Hierarchie
Business in Fernost

Kulturelle Unterschiede in Asien: Die Macht der Hierarchie

Von Dr. Hanne Seelmann-Holzmann
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Ein gravierender Unterschied zwischen dem Westen und Asien ist das Ausmaß an Hierarchie, das jeden sozialen Kontakt bestimmt. Oft glauben Geschäftsreisende das erst einmal nicht. Wenn sie dann selbst erleben, welche (amüsanten) Situationen ein unterschiedliches Hierarchieverständnis auslösen kann, sind sie verblüfft und erstaunt.

1. Schulungen in Indien

Eine junge deutsche Ingenieurin führte in Indien für die dortigen Kollegen Schulungen durch. Als andere (ältere, männliche) deutsche Vorgesetzte in die indische Niederlassung kamen, redete sie mit denen, wie sie es gewohnt war: Auf „Augenhöhe“. Das irritierte die indischen Kollegen sehr, denn sie sind es gewohnt, dass ein jüngerer Mitarbeiter einem Ranghöheren mit Respekt, Achtung und großer Zurückhaltung begegnet.

Aus dem Verhalten der Deutschen schlossen sie nun, dass die junge Kollegin wohl eine Art Geheimagentin sein müsse, die die Zustände vor Ort ausspionieren sollte. Ab diesem Zeitpunkt redete fast niemand mehr mit ihr. Vereinzelt allerdings kamen Mitarbeiter zu ihr, um andere indische Kollegen anzuschwärzen.

2. Der Chef hat immer Recht!

Indische Geschäftspartner und potentielle Kunden besichtigen eine Produktionshalle in Deutschland. Zum Schutz gegen den Lärm überreicht man ihnen rosa Ohrstöpsel. Der indische Geschäftsführer nimmt sie und steckt sie sich in den Mund. „Gute Bonbons“, lobt er. Sofort steckt der Assistent seine Ohrstöpsel auch in den Mund und lobt deren guten Geschmack.

3. Wie erkennt man die Vorgesetzten?

Zwei chinesische Praktikantinnen unterhalten sich darüber, dass es in Deutschland so schwer ist, die Hierarchien in den Unternehmen oder Abteilungen eindeutig zu erkennen – anders als es in Asien der Fall ist. Die Mitarbeiter würden oft wenig Respekt und Achtung gegenüber dem Chef zeigen, ihm sogar widersprechen.
In Bezug auf weibliche Führungskräfte hatte jedoch eine Chinesin eine Erkenntnis: „Die Sekretärinnen haben die Fingernägel lackiert, die Chefinnen nicht!“

4. „Sie sind ein alter Mann!“

Auch das Alter ist ein Kriterium für Hierarchie. In Asien wird Alter gleichgesetzt mit Weisheit und Würde. Während betagtere Menschen in westlichen Gesellschaften oft schnell als „Friedhofsgemüse“ bezeichnet werden, begegnet man ihnen in Asien mit großem Respekt. Als nun eine junge chinesische Praktikantin einem deutschen Personalchef attestierte „Sie sind ein alter Mann!“, wollte sie ihm sagen, dass er erfahren und weise sei. Der Deutsche empfand das jedoch als wenig schmeichelhaft.

5. Symbole falsch verstanden

Ein indischer junger Mann reiste zum ersten Mal nach Europa. Von seinen Eltern erhielt er ein T-Shirt mit einem Aufdruck des indischen Symbols Swastika. Dies gilt als Glückssymbol und als Schutz. Es steht für Kraft, Energie und Gesundheit. Verständlich, dass die Eltern ihren Sohn mit allen positiven Kräften ausstatten wollten.

Auf den ersten Blick kann man dieses Symbol aber mit dem deutschen Hakenkreuz verwechseln – obwohl man bei genauerem Hinsehen merkt, dass Hitler das Zeichen um 45 Grad drehte (und missbrauchte). Auch die deutsche Flughafenpolizei sah nur das verbotene Nazizeichen. Und der junge Inder wurde nach seinem Eintreffen in Frankfurt erst einmal festgenommen und polizeilich überprüft.

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Foto/Thumbnail: ©grechka333/Depositphotos.com

Über den Autor

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Dr. Hanne Seelmann-Holzmann Dr. Hanne Seelmann-Holzmann ist Expertin für interkulturelles Management in Asien. Seit 1994 berät sie deutsche und europäische Unternehmen in Fragen rund um das Asiengeschäft. www.seelmann-consultants.de
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